Belletristik REZENSIONEN

Bisher Unveröffentlichtes vom ganz jungen Tschechow

Russe
Ein unnötiger Sieg
Frühe Novellen und kleine Romane
Aus dem Russischen von Beate Rausch und Peter Urban
Herausgegeben, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Peter Urban
Diogenes Verlag, Zürich 2000, 355 S.

Woher stammt die Mär, Tschechow (nach der für Belletristik unseligen wissenschaftlichen Transliteration: Čechov) habe als Schriftsteller mit der Kurzgeschichte begonnen?

Über seine Schwierigkeiten, mit der festgelegten Obergrenze von hundert Zeilen auszukommen, schrieb der dreiundzwanzigjährige Anton Tschechow 1883 seinem künftigen Redakteur: "Der Gedanke an die `100´ und `nicht mehr´ versetzt meiner Hand einen Schlag schon von der ersten Zeile an. Meistens muß ich in aller Eile den Schluß durchkauen und kann nicht abschicken, was ich eigentlich wollte (...) Daraus folgt meine Bitte: erweitern Sie meine Rechte auf 120 Zeilen (...)."

Wahr allerdings ist, dass die Kurzgeschichte Tschechow später berühmt gemacht hat - und er sie.

Die in diesem Band versammelten teils über einhundert Seiten langen frühen Novellen und kleinen Romane Anton Tschechows sind vorher noch nie ins Deutsche übertragen worden. Sie stammen mit Ausnahme des kleinen Romans "Standhafte Liebe", geschrieben 1886, aus dem Jahre 1822, als Tschechow zweiundzwanzig Jahre alt war. Tschechow veröffentlichte diese Werke unter dem Pseudonym "Antoscha Tschechonte" in verschiedenen Zeitschriften. Antoscha Tschechonte war sein Spitzname auf dem Gymnasium in Taganrog, den ihm sein Religionslehrer verpasst hatte. In diesen frühen Werken begegnen wir einem nahezu unbekannten Tschechow - einem  wortgewandten Gesellschaftskritiker. Zielscheibe seiner Kritik ist die russische Adelsgesellschaft mit ihren verlogenen Sitten in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die große Kluft zwischen dem unverdienten Luxus der Herrschenden und dem armseligen Leben der ehemals Leibeigenen, die sich aus der Rolle der Unterdrückten auch nach Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 nicht befreien konnten. Übrigens: Tschechows Großvater war Leibeigener, der sich freigekauft hatte. In diesen ganz frühen Werken des jungen Tschechow - obwohl aus der Provinz stammend, belesen und selbstbewusst - bleiben besonders in Erinnerung die Frauengestalten Marja, Olja, Ilka, Liza, Marusja, die sich verzweifelt nach einem besseren Leben sehnen.  Erschütternd traurig sind diese Geschichten.

Schon Tschechows frühe Werke enthalten - so Peter Urban* (geboren 1941 in Berlin) - "die Wesensmerkmale der reifen Prosa, seinen schonungslosen Blick, dem nichts Wesentliches entgeht, sein Gerechtigkeitsgefühl und das absolute Gehör für das Falsche, das Gespür für das treffende Detail. Die schmucklose Schlichtheit der Sprache, ihre Genauigkeit. Der unverkennbar an Aleksandr Puškins Prosa orientierte Erzählstil. Das Tempo der Erzählung. Ihre Schnitt-Technik. Der Rhythmus und die Musikalität des Čechovschen Satzes, im Dialog wie im Erzähltext."

Und Tschechow: "Ich greife heute manchmal zu den frühen Erzählungen, lese sie und muß sehr lachen. Dann denke ich: `So hast du mal geschrieben!´"

Ein unnötiger Sieg ist eine literarische Entdeckung - auch für Tschechow-Kenner.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 * Im Dezember 2008 wurde dem Slawisten Peter Urban der von der Moskauer Jelzin-Stiftung ausgelobte, mit 20 000 Euro dotierte Turgenjew-Preis für Übersetzungen russischer Literatur ins Deutsche verliehen. Urban ist bekannt als Übersetzer der Werke von Anton Tschechow, Daniil Charms und Alexander Puschkin.

 

Weitere Rezensionen zu "Erzählungen, Geschichten, Kurzprosa":

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  • Viktor Jerofejew, Männer. Ein Nachruf.
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Weitere Titel zur Person  "Tschechow (Čechov)":

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  • Anton Čechov (Tschechow), Freiheit von Gewalt und Lüge.
  • Anton Čechov (Tschechow), Zwei Erzählungen. (Die Dame mit dem Hündchen / Rothschilds Geige), Hörbuch.
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  • György Dalos, Die Reise nach Sachalin. (Auf den Spuren Anton Tschechows.)
  • Natalia Ginzburg, Anton Čechov (Tschechow), Ein Leben.
  • Anton Tschechow (Čechov), Kaschtanka.
  • Anton Tschechow (Čechov), Der Kirschgarten, Hörbuch.
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  • Jean Benedetti (Hrsg.), Mein ferner lieber Mensch.
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  • Ivan Bunin, Čechov (Tschechow). Erinnerungen eines Zeitgenossen.
  • Anton Čechov (Tschechow), Freiheit von Gewalt und Lüge.
  • Anton Čechov (Tschechow), Zwei Erzählungen. (Die Dame mit dem Hündchen / Rothschilds Geige), Hörbuch.
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  • Anton Tschechow (Čechov), Drei Schwestern, Hörbuch.
  • Anton Tschechow (Čechov), Von der Liebe, Hörbuch.
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  • Ivan Turgenev, Aufzeichnungen eines Jägers.
  • Ivan Turgenev, Rätsel-Spiele.
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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 20.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Sieben Beile friedlich nebeneinander liegen, zwei Spinnrocken kennen keinen Frieden.
Sprichwort der Russen

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