Kinderbuch-JugendbuchREZENSIONEN

Wo man sein Herz einem Pferd ausschüttet...

Russe
Kaschtanka und andere Kindergeschichten
Ausgewählt und übersetzt von Peter Urban
Mit Zeichnungen von Tatjana Hauptmann
Diogenes Verlag, Zürich 2004, 157 S.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Hans Reiner)


Ich glaubte, bisher zu wissen, dass Tschechow (Čechov) nur zwei Geschichten für Kinder geschrieben hat: "Kaschtanka" und "Weißstirnchen". Der Kinderklassiker "Kaschtanka" ist beim Buch des Diogenes Verlages die Titelerzählung und "Weißstirnchen" - die Geschichte von einem kleinen Hundewelpen mit hoher weißer Stirn und einer alternden Wolfsmutter - findet sich unter der Überschrift "Der Bläss" wieder. Und die anderen zwölf Geschichten? In "Kinder" spielen fünf Kinder um jeweils eine Kopeke Lotto; in "Merkwürdiger Fall" sind der sechsjährige Wanja und die vierjährige Nina die Hauptpersonen beim Kampf um drei neugeborene Kätzchen; in "Grischa" ist Held der kleine, pummlige fast drei Jahre alte Grischa, der bei einem Spaziergang erstmals die Welt außerhalb seiner Wohnung entdeckt; in "Der Flüchtling" soll der kleine Paschka am Arm operiert werden; in "Kummer" weint der arme Kutscher Iona über seinen verstorbenen Sohn und findet keinen Menschen, dem er seinem Gram anvertrauen kann - schließlich schüttelt er sein Herz einem Pferd aus; in "Knaben" wollen Wolodja und sein Freund, beide Schüler der 2. Klasse, nach Kalifornien ausrücken; in "Etwas mit Pferd" ist ein gesamter Landsitz in Aufruhr, weil ein vergessener Familienname - "etwas mit Pferd" - gesucht wird, woran sich auch der kleine Sohn des Hauses beteiligt, der auf "Kutschkin" oder "Zügelkin" tippt; in "Austern" spielt der acht Jahre und drei Monate alten Hauptperson ein zügelloser Appetit auf Austern einen Streich; in "Der böse Bube" erpresst der verschlagene Kolja seine große Schwester, die er beim Küssen erwischt hat; in "Die Köchin heiratet" schenkt der siebenjährige Knirps Grischa der Köchin Pelageja einen schönen großen Apfel, weil ihm die Braut Leid tut; in "Wanjka" schreibt ein neunjähriger Junge, der bei einem Schuster in der Lehre ist, einen heimwehvollen Brief an den Großvater; in "Der Dicke und der Dünne" sind zwar auch zwei Söhne, Schulkinder, mit von der Partie, aber die Hauptpersonen sind Porfirij, der Dünne, und Mischa, der Dicke - Kindheitsfreunde. Für Natalia Ginzburg sind die Kinder in diesen Geschichten "unvergeßliche Kindergestalten".

"Man sollte nicht für Kinder schreiben", hat Anton Tschechow einmal gesagt, "sondern es fertigbringen, auszuwählen aus dem, was bereits für die Erwachsenen geschrieben ist, es fertigbringen, die Arznei auszuwählen und zu dosieren - das ist zweckmäßiger und direkter, als sich für einen Patienten irgend eine besondere Arznei auszudenken, nur weil er ein Kind ist."

So angefeuert hat sich Peter Urban offensichtlich daran gemacht, aus Tschechows Erzählungen die für ein Kinderbuch geeigneten herauszusuchen. Aber sind Geschichten, in denen Kinder agieren, automatisch Kindergeschichten? "Kinder", "Der Flüchtling", "Austern" zum Beispiel sind nach meinem Verständnis keine Kindergeschichten, es sei denn ein Erwachsener liest die Geschichten vor und erklärt, was Kindern noch nicht verständlich ist. Für welche Altersgruppe ist dieses Buch eigentlich gedacht? Für Zehnjährige? Auch finde ich den Untertitel "und andere Kindergeschichten" nicht korrekt, da die Geschichten von Tschechow als solche nicht geschrieben sind, sondern von Urban (wenn auch zum größten Teil zu Recht) dazu gemacht wurden.

Anton Tschechow (1860-1904) lebte als Kind in Armut. Er und seine Geschwister mussten um fünf Uhr aufstehen und noch vor der Schule im Laden des Vaters arbeiten. Doch bald schon erfand Anton Tschechow Geschichten, die in Zeitungen gedruckt wurden und ihm Honorare einbrachten. Die in diesem Band versammelten Erzählungen erschienen zwischen 1883 ("Der böse Bube", da war Tschechow dreiundzwanzig Jahre alt) und 1895 ("Der Bläss", da war Tschechow fünfunddreißig Jahre alt). Inzwischen hatte Anton Tschechow Medizin studiert (unschwer an seinem Zitat mit der Arznei zu erkennen) und war ein weltberühmter Schriftsteller geworden. Der ebenfalls berühmte Schriftsteller Vladimir Nabokov sagte über ihn: "Ich empfehle von Herzen, Tschechows Werke so oft wie möglich zur Hand zu nehmen; diese Tschechowsche Welt ist es wert, wie ein Schatz festgehalten zu werden."

Auch von Kindern.

Peter Urban (geb. 1941) ist Übersetzer, Herausgeber, Essayist und hat sich als Initiator der größten nicht-russischen Čechov-Ausgabe einen Namen gemacht. Nun auch bei Kindern. (Übrigens sind in allen Geschichten dieser Neuübersetzungen von Urban die Namen und Eigenbezeichnungen - für Kinder so leichter lesbar - in der phonetischen Umschrift geschrieben. Nur Anton Čechov erscheint - aus bibliographischen Gründen - in der - Kindern fremdartigen - wissenschaftlichen Umschrift. Leider.)

Die Zeichnerin Tatjana Hauptmann (geb. 1950) ist die Tochter eines russischen1 Emigranten, sie besuchte in Offenbach die Werkkunstschule, und in Wiesbaden absolvierte sie eine  dreijährige Grafiklehre und besuchte danach auch hier die Werkkunstschule. Ihre siebenundzwanzig teils ganzseitigen Zeichnungen sind, obwohl nur schwarz-weiß, hübsch anzusehen und dem 19. Jahrhundert - besonders bei Kleidung und Transportmitteln - angepasst. Kaschtanka (von Tschechow 1887 geschrieben, da war er siebenundzwanzig Jahre alt) ist allerdings nicht so "Härchen um Härchen" zum Liebhaben gezeichnet wie in der Ausgabe des Wiener Esslinger Verlages (2002) von Gennadij Spirin.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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  • Antony Pogorelskij, Die kleine schwarze Henne. 
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Am 16.12.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 10.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Nur ein schlechter Hund ist immer herrenlos.
Sprichwort der Russen

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