Belletristik REZENSIONEN

Besessen von Katja...

Russe
Mitjas Liebe
Aus dem Russischen von Käthe Rosenberg
Bibliothek Suhrkamp
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2003, 116 S.

Ivan Bunin (1870-1953) war als Adliger eng mit der Gutsbesitzerkultur verbunden. Und so ist der Titelheld in Mitjas Liebe (1925) auch der Sohn eines Gutsherrn - obwohl Bunin bereits 1889 sein wirtschaftlich ruiniertes Adelsnest (Bunins Vater war in Schulden geraten und hatte den Rest des Erbes verspielt und vertrunken.) verlassen hatte.

In Mitjas Liebe ist Mitja als Student nach Moskau gekommen und verliebt sich mit der Unbedingtheit der Jugend in Katja, der achtzehnjährigen Schauspielschülerin. Sie ist für ihn die Verkörperung des Fraulichen, jenes "Unheimliche, Wunderbare, Weibliche, wonach er so heiß verlangend strebt". Im Gegensatz zu ihm städtisch-elegant, macht sie ihn glauben (zeitweise scheint sie es selbst zu glauben), dass sie seine leidenschaftlichen Gefühle erwidert. Wenn sie nicht gerade zum Schneider muss (und das muss sie immer häufiger), treffen sie sich, oft bleibt er bis zwei Uhr in der Nacht bei ihr (Warum immer gerade bis zwei Uhr?). Doch mehr und mehr zweifelt er an ihren Schneider-Ausreden und wird von nicht zu beherrschender Eifersucht gepeinigt, vor allem gegenüber dem Direktor der Schauspielschule, die Katja besucht. Entnervt, entschließt er sich (mit Katjas Einverständnis) zu einer Reise in sein Heimatdorf, um sich von seinen Eifersuchts-Plagen (die mit viel Schlaflosigkeit einhergehen) zu erholen.

Hier, im weitläufigen Haus und Garten seiner Kindheit erinnert ihn alles an Katja, hat alles irgendetwas gemeinsam mit ihr; "(...) Sie hatte teil in ihnen allen und fügte allem noch etwas, sich selbst, hinzu, ihre Schönheit, die aufblühte mit dem ganzen Blust des Frühlings, mit dem immer weißer prangenden Garten und dem immer blaueren Himmel". Mitja verzehrt sich nach ihr und wartet auf Post, die nicht kommt. "Katja wurde zu einer wahren Besessenheit und Versuchung, Katja war in allem und überall bis zur Abgeschmacktheit." Verzweifelt schläft er - für Geld - mit einer Bauernmagd. Unsagbar enttäuscht von diesem "Liebes"erlebnis und von sich selbst, nimmt er sich das Leben, als wahr wird, was er schon lange befürchtet hatte: Katja macht Schluss mit ihm und geht davon mit dem selbstherrlichen Direktor der privaten Schauspielschule.

Thomas Mann rühmte an dieser Novelle eine geradezu "tolstoische Eindringlichkeit". Bunin, der 1933 als erster russischer Schriftsteller mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, schrieb diese Meisternovelle im Pariser Exil, da war er fünfundfünfzig Jahre alt. Eigentlich sind die meisten Erzählungen Bunins - auch einige des Sammelbandes "Liebe und andere Unglücksfälle" von schwermütigem Pessimismus geprägt. Bunin zeichnet sich vor allem durch die Darstellung psychologischer Vorgänge aus, weniger durch die Schilderung sozialer Zustände. In Mitjas Liebe schildert er die Empfindungen Mitjas mit außerordentlich gekonnter künstlerischer Bildhaftigkeit, übrigens auch den Frühlingsaufbruch der Natur.

Blust, ein veraltetes Wort, wurde einst für Blüte, das Blühen, gebraucht. Die Übersetzerin scheint solche veralteten Wörter zu lieben (ich übrigens auch), zum Beispiel auch, wenn sie von einem alten Bauern sagt, dass er barbeinig und in härenem (aus Haar gefertigtem) Kittel dasteht...

Leider sind im alphabetischen Verzeichnis der äußerst verdienstvollen "Bibliothek Suhrkamp" (u. a. Achmatowa, Aitmatow, Ajgi, Babel, Blok, Brodsky, Jerofejew, Kawerin, Majakowski, Mandelstam, Nabokov, Olescha, Pasternak, Paustowskij, Pilnjak, Schom-Alejchem, Sokolow, Solschenizyn, Zwetajewa...) Seiten verwechselt, so dass die alphabetische Reihenfolge nicht eingehalten ist; das ist der erste Fehler dieser Art, den ich bei dem akkuraten Suhrkamp Verlag entdeckte.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 19.09.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 20.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Leidenschaften bringen um.
Sprichwort der Russen

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