Hörbuch REZENSIONEN

Von wirklicher Liebe und verpasstem Leben...

Russe
Die Dame mit dem Hündchen / Rothschilds Geige
Zwei Erzählungen
Lesung
Sprecher: Klaus Bednarz
Übersetzt von Richard Hoffmann, Desch Klassiker Ausgabe, 1958
Aufnahme: WDR Landesstudio Köln, 1999, Technik: Live Audio Studio Ansgar Döbertin, Hamburg, Eine Koproduktion mit dem Hessischen Rundfunk
Hörbuch Hamburg Verlag Margrit Osterwold, 1999, 2 CDs, Laufzeit: 72 Minuten.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz Schön.)

Während eines Urlaubs am Meer lernt Gurov eine hübsche junge Dame mit einem Hündchen kennen. Der an flüchtige amouröse Abenteuer gewöhnte Beamte um die Vierzig ist fast doppelt so alt wie sie. Auf Spaziergängen und schließlich in verschwiegenen Hotelzimmern kommen sie sich näher. Anna Sergejewna entspricht so gar nicht seinen bisherigen Vorstellungen von der "niederen Rasse" Frau. Nach etwa vier Wochen trennen sie sich. Sie reist zu ihrem an den Augen erkrankten Gatten nach S., er kehrt zu seiner Frau und seinen Kindern nach Moskau zurück. Doch die  Erinnerung an die Geliebte verblasst nicht "wie alle anderen", sondern sie gewinnt eine immer stärkere Macht über ihn. Unerträglich scheint ihm nun sein unausgefülltes Leben, und er macht sich auf den Weg nach S., um seine Geliebte zu suchen. Bei ihrem Wiedersehen entdeckt er, dass es "für ihn auf der ganzen Welt keinen Menschen gab, der ihm näher, teurer und wichtiger gewesen wäre". Mit dem Versprechen Annas, ihn regelmäßig in Moskau zu besuchen, reist er beglückt ab. Wieder werden Hotelzimmer ihre zukünftigen Treffpunkte... In dieser 1899 erschienenen Erzählung Anton Tschechows triumphiert die Liebe über ein "armseliges unbeschwingtes Leben" - was so häufig bei Tschechow gar nicht vorkommt. Natalia Ginzburg schreibt von dieser Erzählung, sie sei die Geschichte eines Ehebruchs und einer Liebe ohne Hoffnung. "Ein helles Licht liegt darüber, das Licht von Jalta. Und man spürt in der Hauptfigur Gurov ein Gefühl, das in Čechovs anderen Gestalten vielleicht nie vorhanden gewesen war: Das Gefühl, daß nach einem Leben voll unbeständiger Begegnungen, die sogleich wieder vorbei waren und sich in nichts auflösten, noch die wahre Liebe eintreten kann."

Als zweite Erzählung hätte ich neben Die Dame mit dem Hündchen eigentlich die ebenfalls sehr bekannte Geschichte "Herzchen" erwartet... Aber es ist - wie schön - die entschieden unbekanntere Erzählung Rothschilds Geige. Hier geht es um den Sargtischler Jakow, der sich mit seinem Geigenspiel ein wenig dazu verdient. Mit seiner Frau Marfa lebt er seit zweiundfünfzig Jahren zusammen, in einem Zimmer mit Ofen, Doppelbett, Särgen und der ganzen Wirtschaft, aber richtig zur Kenntnis nimmt er seine Frau erst, als sie im Sterben liegt. Da erinnert sich Jakow, dass er sie nie liebkost hat, nie ein gutes Wort für sie übrig hatte, ihr nicht einmal erlaubte, Tee zu trinken, nur heißes Wasser. Und er spielt auf seiner Geige so wehmütig, dass ihm selbst die Tränen kommen. Auch Rothschild, der rothaarige, Flöte spielende Jude, mit dem er manchmal in einem jüdischen Orchester zusammen spielt, weint und lauscht mit "quälendem Entzücken" Jakows Spiel. Sie, die sich eigentlich nicht mögen - Jakow nennt die Juden Gesindel und Knoblauchfresser - kommen einander sehr nahe; Jakow nennt Rothschild gerührt Bruder. Gleich nach dem Tod von Marfa erkrankt Jakow, nun liegt auch er im Sterben. Vom Tod, so sinniert er, hat man eigentlich nur Nutzen, man muss nicht essen, nicht trinken, keine Steuern zahlen. Das Leben dagegen bringt nur Verluste - die haben ihm sein Leben vergällt, zum Beispiel als der Polizeiinspektor nicht in seinem Heimatstädtchen starb, und also der Sarg nicht von Jakow getischlert wurde. Zehn Rubel Verluste rechnete er aus... Endlich ist es vorbei mit den Verlusten, denkt er, und hat keine Angst vor dem Tod. Als ihn der Pope bei der Beichte nach besonderen Sünden fragt, erinnert sich Jakow an Marfas wehmütiges Gesicht, und an Rothschild, wie der fürchterlich schrie, als er von einem Hund gebissen wurde. Und seine Geige fällt ihm ein, die verlassen zurückbleiben wird, und er bittet den Popen, die Geige nach seinem Tod Rothschild zu geben. Und alle in dem kleinen Städtchen wundern sich, woher der arme Jude Rothschild eine so schöne Geige hat... Rothschild spielt fortan nicht mehr Flöte, sondern Jakows Geige und besonders die Melodie, die Jakow und ihn zu Tränen rührte.

Umfragen ergaben, dass Sprecher und Story bei der Kaufentscheidung von Hörbüchern die wesentliche Rolle spielen, weniger Inszenierung und Musik; besondere Zugnummern sind prominente Schauspieler und Schauspielerinnen. Da finde ich es vom Hamburger Hörbuch Verlag denn doch mutig, es mit Klaus Bednarz zu versuchen. Offensichtlich kommen Versuche dieser Art bei den Hörern gut an, denn ich sehe im Prospekt zum Beispiel: Jutta Limbach liest Helga Königsdorf, Wolf Schneider liest aus Heinrich von Kleist, Uta Ranke-Heinemann liest Jean Paul... Kein Schauspieler, aber bekannt ist Bednarz allemal, als Fernsehjournalist und seit 2003 als WDR-Sonderkorrespondent. Nicht nur Thomas Mann hat es Čechovs "Dichtertum" angetan, sondern auch dem Slawisten Bednarz, der 1966 über diesen russischen Schriftsteller promovierte. Gewundert hat mich, dass die Hörbuch-Macher die beiden Erzählungen nach einer fast fünfzig Jahre alten Buchausgabe produziert haben, obwohl beide Erzählungen auch in späteren Ausgaben erschienen sind. Bedauerlich, dass der Verlag kein Booklet beigefügt und das Cover statt zur Information über den Autor und sein Werk vorrangig zur Eigenwerbung genutzt hat...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 30.06.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Nur wer reich, ist Bruder gleich.
Sprichwort der Russen

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