Kinderbuch-JugendbuchREZENSIONEN

Ein kleiner Hund und eine ägyptische Pyramide

Russe
Kaschtanka
Nacherzählt von Sybil Gräfin Schönfeldt
Mit zum Teil ganzseitigen farbigen Illustrationen von Gennadij Spirin
Esslinger Verlag, Esslingen/Wien 2002, 23 x 31 cm, 32 S.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Iwan Heinz.)

Kaschtanka war während meiner Schulzeit Pflichtlektüre. Seitdem habe ich der rotbraunen Kreuzung aus Dackel und Hofhund, deren Schnauze stark an einen Fuchs erinnert, meine Liebe bewahrt. Als ich nun diese anrührende Geschichte von Anton Tschechow (1860-1904) wieder las, war ich doch überrascht, wie viele Einzelheiten ich vollkommen vergessen oder als Kind nicht richtig zur Kenntnis genommen hatte...

Die kleine Hündin Kaschtanka verliert in der großen Stadt an einem sehr kalten, verschneiten russischen Wintertag ihren Herrn, den Tischler Luka Aleksandritsch. Vor Kälte und Angst zitternd, findet ein Zirkusclown den kleinen Hund und nimmt ihn mit nach Hause. Dort leben schon ein Ganter, ein weißer Kater und ein schwarzes Schwein. Ihnen allen bringt der kleine dicke Clown Zauberkunststücke bei. Zu Kaschtanka ist er freundlich, gibt ihr ordentlich zu fressen und schnauzt sie kein einziges Mal an. Als der Ganter stirbt, soll auch sie als Artistin auftreten. Statt des Ganters muss nun Kaschtanka, die jetzt Tjotka (Tante/Tantchen) heißt, bei der ägyptischen Pyramide mitarbeiten. Kaschtanka ist glücklich, es macht ihr alles großen Spass - sie sei ein Talent, sagt ihr neuer Herr. Dann ist es soweit: Tantchens erster Auftritt. Doch kaum ist sie auf der Bühne, da ruft ein Kind aus dem Publikum: "Vater, das ist doch Kaschtanka!" Kaschtanka erkennt die Stimme von Fedjuschka, dem kleinen Sohn des Tischlers Aleksandritsch. Ohne sich lange zu besinnen, stürzt sie dahin, woher die Stimme kam und: kehrt zu ihrem ersten Herrn und dessen Sohn zurück - obwohl Fedjuschka sie sehr oft geärgert hat, und Luka, der Tischler, ihr wenig zu fressen gab und sie oft anschnauzte, vor allem wenn er betrunken war. Kaschtanka hatte sich bei ihrem neuen Herrn wohl gefühlt, aber ein bisschen hat sie sich doch immer nach dem Geruch von Leim, Lack und Spänen gesehnt...

Kaschtanka schrieb Tschechow 1887, sieben Jahre später "Weißstirnchen", eine kleine Geschichte von einem Hundewelpen und einer alt gewordenen Wolfsmutter. In "Kaschtanka" und in "Weißstirnchen" wird "die Welt mit den Augen einer Hündin oder mit den Augen eines Wolfes betrachtet: es sind junge, unvorbereitete, neugierige, tief erstaunte Augen", schreibt Natalia Ginzburg, "ganz selbstvergessen damit beschäftigt, die tausend seltsamen Seiten der Welt zu entdecken und zu belauern, ihre tausend Ungereimtheiten und Verstiegenheiten, die tausend unvorhersehbaren und bunten Formen, die der Zufall annehmen kann, und die Gewohnheiten der anderen Tiere und die der Menschen. Das ist die Größe Čechovs: sich in die verschiedensten Wesen hineinversetzen zu können, seien es Hunde oder Wölfe oder Männer oder Frauen: und die Welt kann sich ihren Augen freundlich oder feindlich, liebevoll oder schrecklich zeigen, stets ist sie so seltsam, daß der suchende Blick vor allem verwundert ist."

"Kaschtanka" und "Weistirnchen" sind Tschechows einzige Geschichten für Kinder. Als der Dichter die beiden Werke an eine pädagogische Musterbibliothek schickte, bemerkte er in dem Begleitbrief (vom 21. Januar 1900): "(...) die sogenannte Kinderliteratur liebe ich nicht, und ich erkenne sie nicht an. Kindern muß man das geben, was sich auch für Erwachsene eignet... Man muß nicht für Kinder schreiben, sondern es verstehen, aus dem, was bereits für die Erwachsenen geschrieben ist, das Richtige, das heißt echte Kunstwerke, auszuwählen."

Von dem bewährten Team Gennadij Spirin und Sybil Gräfin Schönfeldt gibt es bereits das rundum schöne Kinderbuch "Die kleine schwarze Henne". Auch Kaschtanka ist geschickt nacherzählt. Obwohl sehr stark gekürzt - schließlich ist Kaschtanka ein Bilderbuch -, hat man nicht den Eindruck, dass Wesentliches fehlt, was zeigt, dass sich die Nacherzählerin mit dem Text Tschechows sehr intensiv beschäftigt hat; an einigen Stellen lässt sie Tschechow auch selbst zu Worte kommen. Die Illustrationen von Gennadij Spirin - 1948 bei Moskau geboren, heute in den USA lebend - sind für Kinder wie für Erwachsene gleichermaßen ein Genuss. Sind die ersten Bilder in ziemlich dunklen Tönen gehalten, werden sie im Verlaufe der Geschichte immer heller und dann ganz bunt-farbig, wenn der in malerische Farben gewandete Clown seinen Auftritt hat. Ich wüsste keinen Illustrator, der die Welt im Russland der Zarenzeit besser darstellen könnte... Und Kaschtanka ist Härchen um Härchen so liebevoll gezeichnet, dass man versucht ist, ihr im Buch das rotbraune Fell zu streicheln...

Übrigens: Tschechow, zeitlebens ein Liebhaber des Zirkus, setzte mit der Erzählung Kaschtanka dem Artisten, Clown und Begründer der Tierdressur A. L. Durov ein Denkmal. Allerdings ist Durov ein kleiner, dicker Mann nur in Tschechows Erzählung, in Wahrheit war er ein außerordentlich gut aussehender Herr, den man in dem wunderschönen Band "Anton Čechov - Sein Leben in Bildern", Diogenes Verlag Zürich, begucken kann.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 30.04.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 10.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

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