Belletristik REZENSIONEN

"Ich kann nur leben, wenn man mich liebt..."

Über die Russen Anton Tschechow und Olga Knipper
Mein ferner lieber Mensch
Liebesbriefe
Aus dem Russischen und Englischen übersetzt von Tina Delavre
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2. Auflage 1999, 415 S.

Von Anton Tschechow sind viele Briefe veröffentlicht worden, die Korrespondenz von Olga Knipper jedoch blieb größtenteils unbekannt. Deshalb, schreibt der Herausgeber in einer Vorbemerkung, sei dieses Buch vornehmlich ihr gewidmet. Olga Knipper wurde 1868 als Tochter deutscher Eltern geboren; ihr Vater nahm die russische Staatsbürgerschaft an.

Anton Tschechow lernte Olga Knipper am 9. September 1898 bei den Proben zu seiner "Möwe" im Moskauer Künstlertheater kennen. Da war sie eine noch unbekannte dreißigjährige Schauspielerin, er bereits ein bekannter achtunddreißigjähriger Schriftsteller; seine Tuberkulose-Erkrankung befand sich schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Da Olga Knipper zunehmende Verpflichtungen ans Moskauer Künstlertheater banden, Anton Tschechow aber auf ärztliche Anordnung die Winter in Jalta, seinem "warmen Sibirien", verbrachte, lebten sie oft lange getrennt voneinander. Deshalb hatten sie einander versprochen, sich täglich einen Brief zu schreiben. Meist haben sie diese Verpflichtung eingehalten. So ist es heute möglich, ihre phantasievoll-zärtliche Beziehung an Hand der vielen hundert Briefe, die sie tauschten, nachzuvollziehen.

Dmitri Schostakowitsch schreibt in seinen Memoiren, dass er sehr bedaure, dass "Tschechows Briefwechsel mit seiner Frau Olga Knipper veröffentlicht worden ist. Er enthält soviel Privates, das niemals hätte gedruckt werden dürfen." Schon wahr, ein wenig beklommen ist einem zumute, wenn man so intime Gedanken der beiden Liebenden liest. Bei ganz Intimem allerdings blieb es denn doch meist nur bei Andeutungen; allein daran merkt man, dass die bewegenden Briefe ein Jahrhundert alt sind. Über Iwan Gontscharow ist übrigens zu lesen, dass er vorsorglich eine Verfügung hinterließ, seine Briefe nicht zu publizieren. Heute, mehr als ein Jahrhundert danach, publiziert man - gesetzlich legal - sowohl seine Briefe als auch jene Verfügung.

Einen langen Schatten auf die Ehe - Anton Tschechow und Olga Knipper hatten im Mai 1901 geheiratet - warf Mascha, die Schwester Tschechows. Sie hatte ihr Leben in den Dienst des Bruders gestellt. Von Haus aus Lehrerin, hatte sie niemals geheiratet und war als seine Haushälterin, Krankenschwester, Agentin und Geschäftsführerin tätig. In diese fest gefügte Beziehung hatte sich Olga Knipper einzufügen. Sogar, wenn sie versuchte, in Moskau für sich und ihren Mann ein Heim zu schaffen, und sich nach einer Wohnung umsah, wo Tschechow den größten Teil des Jahres leben und seiner "Verbannung" in Jalta entkommen konnte, musste sie immer auch ein Zimmer für Mascha vorsehen. Keinesfalls und nirgends war an ein Heim nur für sie und ihren Anton auch nur zu denken. Olga Knipper - eigentlich spontan und temperamentvoll - meisterte diese oft fatale Situation bewundernswürdig. Nur einmal, 1902, brach die latente Feindseligkeit zwischen den beiden Frauen offen aus. Und wen verteidigte Tschechow? Seine Schwester. Er schreckte auch vor einer Lüge nicht zurück, wie aus seinen widersprüchlichen Briefen zu diesem Ereignis zu erkennen ist...

Rührend Olga Knippers ständige Selbstvorwürfe darüber, dass sie von ihrem geliebten Theater nicht lassen kann, um für immer bei ihrem Anton zu sein und sich um seine Gesundheit zu kümmern. Aber er tröstet sie und schreibt, dass ihn das Schicksal nicht nur "mit Pech und Schwefel" an sie gebunden, sondern "mit Zement, der mit jedem Tag fester wird".

Die Beziehung zwischen dem Schriftsteller Anton Tschechow und der Schauspielerin Olga Knipper dauerte fünf Jahre, von April 1899 bis zu Tschechows Tod am 2. Juli 1904. Die Freundschaft, Liebe und Ehe zwischen ihnen ist eine der außergewöhnlichsten Liebesgeschichten in der Geschichte des Theaters; ihr Briefwechsel liest sich wie ein Roman. Olga Knipper überlebte Anton Tschechow um fünfundfünfzig Jahre. Sie hat nicht wieder geheiratet, obwohl sie Tschechow in einem ihrer Briefe geschrieben hatte: "Ich kann nur leben, wenn man mich liebt..."
(Soeben las ich von Andrej Kurkow "Die letzte Liebe des Präsidenten". Darin lässt der Autor seine Heldin Maja sagen, dass die Knipper Tschechow nicht geliebt habe. "Tschechow war ein Langweiler und die Knipper eine schöne Frau, die Ruhm und Beachtung liebte." Es ärgert mich, wie nachlässig Kurkow  mit Menschen umgeht, die sich nicht mehr wehren können...)

Der Herausgeber Jean Benedetti hat als Schauspieler, Regisseur und Autor von Fernsehspielen gearbeitet und lehrt Theaterwissenschaft in London. Ich bin ihm dankbar für die Herausgabe dieser Briefe, haben diese mir einen meiner russischen Lieblingsschriftsteller des 19. Jahrhunderts noch sehr viel näher gebracht. Vielleicht wäre auch Schostakowitsch ein halbes Jahrhundert nach seiner Äußerung anderer Meinung...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 20.02.2015.

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