Hörbuch REZENSIONEN

"In der schrecklich verrückt machenden Welt der Nymphchenliebe..."

Gebürtig aus Russland
Lolita
Hörspiel
Deutsch von Dieter E. Zimmer und Helen Hessel, Maria Carlsson, Kurt Kusenberg, H. M. Ledig-Rowohlt und Gregor v. Rezzori, bearbeitet von Dieter E. Zimmer
Sprecher: Gunda Aurich, Hermann Lause, David Lehmann, Ulrich Matthes, Natalie Spinell-Beck  u. v. a
Hörspielbearbeitung und Regie: Walter Adler, Redaktion: Johann M. Kamps, Toningenieur: Theresia Singer, Tontechnik: Matthias Fischenisch, Regieassistenz: Silke Hidenbrandt, Ute Christine Krupp, Produktion: Westdeutscher Rundfunk, Köln 1998
Der Hörverlag, München 1999, 2 CDs, Laufzeit: etwa 150 Minuten. Mit Booklet von Julia Kursel.

(Rezensiert,  entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz Schön.)

Mir leuchtet nicht ein, warum die Ermordung des superperversen Dramatikers Clare Quilty durch den perversen Humbert Humbert vom Schluss des Buches an den Anfang gestellt wurde. Vielleicht sind ungezählte laut krachende Schüsse ein guter Hörbuch-Einstieg, aber ein Einstieg zum Buch-Verständnis sind sie nicht! Und: Was im Buch "Lolita" eine geradezu groteske Horrorszene ist, ist im Hörspiel einfach nur ein kaltblütiger Mord. Überhaupt: Mir scheint, das Hörbuch Lolita versteht nur, wer das Buch "Lolita" gelesen hat.

Der Roman "Lolita" beginnt mit einem leidenschaftlichen Liebesbekenntnis des siebenunddreißigjährigen Humbert Humbert zur zwölfjährigen Lolita: "Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo.Li. Ta. Sie war Lo, einfach Lo am Morgen, wenn sie vier Fuß zehn groß in einem Söckchen dastand. Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolly in der Schule: Sie war Dolores auf amtlichen Formularen. In meinen Augen aber war sie immer Lolita."

Nicht nur die Romanfigur Humbert Humbert fühlt sich von dämonischen kleinen Mädchen, den "Nymphchen", angezogen, mir scheint, dass auch den Romanautor Nabokov das Thema der "Nympholepsie" nicht kalt gelassen hat.

Die Arbeit an "Lolita", sie heißt zunächst Junita Darc, beginnt Nabokov 1947, sechs Jahre später ist das Manuskript vollendet. Den Roman halten selbst Nabokovs Freunde für nicht publizierbar. Das Thema Kindesmissbrauch schreckt fünf amerikanische Verleger ab. Denn zu jener Zeit wird Geschlechtsverkehr mit Mädchen dieses Alters in sechzehn amerikanischen Staaten mit dem Tode, in weiteren achtzehn mit lebenslänglicher Haft und in den übrigen amerikanischen Staaten mit Gefängnis nicht unter zehn Jahren bestraft. Doch Nabokov bringt sein Buch durch die Vermittlung einer französischen Literaturagentin schließlich in einer einschlägig bekannten Reihe - er selbst ist bereits zu entnervt, um über diesen Verlag Erkundigungen einzuziehen - bei "Olympia Press" in Paris unter. "Nun beginnt", schreibt Julia Kursell in ihrem informativen Booklet zum Autor und seinem Werk, "eine von Skandalen begleitete Erfolgsstory". 1958 erscheint "Lolita" dann doch auch in Amerika.

Das Hörspiel Lolita sowie das kindliche Lachen Lolitas (Natalie Spinell-Beck) macht dem Hörer deutlicher, als es das Buch vermochte, dass Dolores Haze (Lolita) keine Kindfrau ist, keine Zu-früh-Gereifte. Sie ist einfach nur zwölf, dann dreizehn, dann vierzehn Jahre alt. Natalie Spinell-Beck gelingt es wunderbar, die quenglige, unausgeglichene, pubertäre, raffinierte, vergnügte, unglückliche, unzufriedene... Lolita "zu geben". Lolita hat es einmal in einem Sommercamp mit einem Jungen probiert, Teeny-Sex sozusagen. Das Hörspiel und die Lolita-Sprecherin verdeutlichen, dass es falsch ist hervorzuheben, dass sie nicht mehr unschuldig ist, als Humbert Humbert ihr Geliebter wird. Das entschuldigt lediglich Humbert Humbert, wo nichts zu entschuldigen ist. Deshalb ist rechtens, dass viele für das Hörspiel ausgewählte Passagen den gierigen Mann verdeutlichen, der "jede Nacht, jede Nacht" möglichst mehrmals (Lolita: "Um Himmels willen, nicht schon wieder!") auf seine sexuelle Befriedigung aus ist. Lolita entzieht sich ihrer täglichen Pflichtausübung mit dem Stiefvater endlich durch die Flucht, lässt sich von dem schmierigen Dramenautor Quilty entführen; Hermann Lause spricht ihn abstoßend, zynisch, weibisch. Als Lolita ablehnt, bei seinen dreckigen Sex-Orgien mitzuspielen, schmeißt er sie von seiner Luxus-Ranch. Dabei war er der einzige Mann, den Lolita wirklich haben wollte (den sie liebte?). Ihm jedenfalls ist es gelungen, Lolita das Herz zu brechen, während es Humbert - dem man Anteilnahme wegen seiner Seelenqual nicht ganz versagen kann - nur gelang, ihr Leben zu zerstören. "Ich war ein frisches Gänseblümchen", sagt sie zu ihm. Er habe ihr wehgetan, etwas in ihr zerrissen... David Lehmann spricht mit viel gehauchtem Sex den jüngeren Humbert Humbert, Ulrich Matthes den gealterten. Zur Unterscheidung hätten ihrer beiden Stimmen durchaus unterschiedlicher sein dürfen. Aber warum überhaupt zwei Sprecher? Die Geschichte beginnt 1947 und endet mit dem Tod von H. H. 1952. Fünf Jahre kann ein Sprecher doch ohne Schwierigkeiten überbrücken?! Spinell-Beck jedenfalls gelingt es trefflich, nach dem Kind Lolita auch die fünf Jahre ältere, inzwischen verheiratete, werdende Mutter Dolores zu sein...

Lolitas Mutter (Gunda Aurich), von H. H. geehelicht, um sich der Tochter zu bemächtigen, stirbt bei einem Autounfall - was nicht nur folgerichtig für den Roman ist, sondern auch erquicklich für mich war, denn diese überkandidelte Witwe erwies sich für mein Hörorgan als gar zu schrill. Ein Schmerz für die Ohren ist auch das immer wiederkehrende laute Geräusch des Autofahrens als Symbol des Tausende Kilometer ostwärts Rollens von Humbert Humbert und Lolita - was in einem Monat (von August 1947 bis August 1948) etwa 10 000 Dollar des nicht gerade reichen Pseudo-Stiefvaters verschlingt.

Dennoch: Das eine tun (Das Buch lesen.) und das andere nicht lassen (Das Hörbuch hören.) - das bringt bei so komplizierten, vielschichtigen Werken wie es Nabokovs "Lolita" ist, denn doch einen Zugewinn. Übrigens: Das Nymphchen "Lolita", am 15. September 1955 beim Pariser Verlag Olympia Press erstmalig erschienen, wird bald schon fünfzig Jahre alt.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

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Am 30.06.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.02.2013.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.


Alt macht nicht die Zeit, sondern das Leid.
Sprichwort der Russen

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