Belletristik REZENSIONEN

Zwischen Abscheu und Faszination

Gebürtig aus Russland
Lolita
Deutsch von  Helen Hessel, Maria Carlsson, Kurt Kusenberg,
H. M. Ledig-Rowohlt  und Gregor von Rezzori
bearbeitet von Dieter E. Zimmer
Suhrkamp Taschenbuch Verlag, suhrkamp taschenbuch 3314, Frankfurt/Main 2002, 527 S.

Lolita war Nabokovs Lieblingsbuch und wurde sein bekanntestes Werk - von Graham Greene als eines der besten Bücher des Jahres 1955 gerühmt, von Andrew Sean Greer an die fünfzig Mal gelesen, von Stanley Kubrick 1961 verfilmt, von Adward Albee 1981 auf die Bühne gebracht. Hauptschauplatz des Romans sind die Vereinigten Staaten der späten vierziger Jahre, die Bekanntschaft des Helden mit Lolita ist auf den 20. Mai 1947 datiert, das Thema ist die verbotene Liebe des 1910 in Frankreich geborenen Literaturwissenschaftlers Humbert Humbert (Nabokov: "Ein besonders übel klingender Name."). Humbert ist ein belesener, gut aussehender Mann. Und er ist pädophil, liebt seit längerem kleine, neun bis vierzehnjährige Mädchen, so genannte Kindfrauen, "Nymphchen", wie er sie nennt. Im Buch-Vorwort eines Doktors der Philosophie heißt es, dass das ihm zugegangene Manuskript "Lolita oder die Bekenntnisse eines Witwers weißer Rasse" verfasst wurde von dem Häftling Humbert Humbert, der in Untersuchungshaft ein paar Tage vor dem für seinen Prozess angesetzten Termin gestorben sei. Diese Beichte sei vom Verfasser als Verteidigungsrede geschrieben (adressiert an die Geschworenen) - zum Zwecke der Selbstrechtfertigung. Als Humbert die zwölfjährige Dolores Haze (Lolita, Dolly, Lo) sieht - nach seiner unglücklichen Ehe mit der reifen Valeria und einigen Aufenthalten in psychiatrischen Anstalten - verliebt er sich in das Mädchen. Er heiratet deshalb ihre verwitwete Mutter, die sich in den gebildeten, charismatischen Humbert verliebt hat. Nach ihrem ihm sehr zupass kommenden tödlichen Unfall geht er mit dem anmutig-verwöhnten Schulmädchen auf Reisen. Der Tod der Mutter lässt Lolita erschütternd kalt, er ist ihr kaum eine Frage wert. Lolita, nicht mehr unschuldig, ist es dann, die H. H. verführt - ohne seine Liebe zu erwidern. So wird er zum Sklaven ihrer Kleinmädchen-Launen und zugleich ihr Wächter und Sklavenhalter. Ihre Gunst und Verschwiegenheit muss er sich erpressen und erkaufen. Viktor Jerofejew, den Nabokovs Biograph Nossik als den besten russischen Nabokov-Forscher bezeichnet, bringt in "Die Zeit" 45/1999 die Abartigkeit Humberts in seiner  unnachahmlich rüden Ausdrucksweise auf diesen Nenner: "...alle mögen vollbusige, dickärschige, sogenannte schöne Frauen, ich mag eine kriminell junge Fotze!"

Eines Tages läuft Lolita dem "Spermosaurus kosmopolitischen Typs" (Jerofejew) davon mit dem kitschigen Mode-Dramatiker Quilty - ein Perverser, der sie für Porno-Aufnahmen missbraucht. Humbert Humbert, inzwischen fünfzigjährig, findet sie erst nach Jahren wieder. Da ist sie gewachsen, hässlich geworden, verheiratet mit einem Arbeiter, arm und schwanger.  Sie ist kein "Nymphchen" mehr... Und jetzt - da erlaubt sich der geneigte Leser platt zu sein - begreift Humbert, dass er sie richtig liebt, obwohl von der früheren Lolita absolut nichts geblieben ist. Er bittet sie, fleht sie an, mit ihm zu gehen. Sie sagt einfach nur "Nein." Enttäuscht versieht er sie mit Geld und macht sich auf die Suche nach Quilty, den Rivalen, den Vergewaltiger. Nach der Ermordung Quiltys (eine sehr groteske Horrorszene) begibt sich Humbert Humbert selbst in die Hände der Justiz. Im psychiatrischen Gefängniskrankenhaus schreibt er seine Beichte und stirbt, als er sie fertig hat. Lolita stirbt noch vor ihm, bei der Entbindung.

Das Buch ist hocherotisch, pornographisch ist es nicht, auch keine Spur von hartem Sex. Trotzdem schwankt man, besonders beim Lesen der Szenen, wenn sich der sexuell gierige Mann auf das Kind stürzt - zwischen Abscheu und Faszination. Faszination? Geschrieben ist der psychologisch äußerst beeindruckende Roman Nabokovschisch meisterhaft! Es kommt einem fast nicht ganz geheuer vor, wie leicht und elegant Nabokov über Inzest und Pädophilie schreibt. "Schreiben kann er", gab Isaak Babel in diesem Zusammenhang denn auch widerwillig zu. Und nach den obligaten Erkennungszeichen in den Nabokovschen Werken sucht der Leser auch in Lolita nicht vergeblich: nach Motiven aus dem Emigrantendasein, Bezugnahmen auf Schmetterlinge, Schach und Tennis sowie nach boshaften Seitenhieben auf Sigmund Freud und die Psychoanalyse. Nicht jedermanns Sache vielleicht Nabokovs berühmte Klammern und seine vielen französischen und englischen Textstellen, "die mir", so Nabokov, "ganz selbstverständlich waren", denn schließlich sprach man im elterlichen Hause Nabokov drei Sprachen: russisch, französisch und englisch. Und so meint der russische Nabokovforscher Dolinin denn auch: "Der ideale Leser der Prosa Nabokovs muss mindestens zwei (besser 4) Sprachen beherrschen, denn sonst versteht er nicht die vielen versteckten Bedeutungen und Schlüsselwörter, die vielen wichtigen Anspielungen und Verweise!"

Woher dieser "Lolita"-Stoff? Dass Nabokovs Bruder Sergey schwul war, brachte der Familie einigen Verdruss.  Vladimir Nabokovs Sohn Dmitri schreibt in diesem Zusammenhang:  "Abweichungen im allgemeinen, physische und psychische im besonderen - gehörten zu den vielen Quellen, die die künstlerische Phantasie meines Vaters speisten." Und: In der faktenreichen Nabokov-Biographie von Boris Nossik wird der Cousin Vladimir Nabokovs, der Komponist Nikolai Nabokow, so zitiert: "Meine Großmutter war mit fünfzehn Jahren mit einem Zivilbeamten verheiratet worden, und das war der Liebhaber ihrer Mutter. Im prüden 19. Jahrhundert war es manchmal sehr bequem, sich eine offizielle Verbindung zu seiner Geliebten oder seinem Liebhaber zu schaffen, das bedeutete leichten und freien Zugang zueinander (...) Das Trio reiste zusammen ins Ausland, und die Liebenden waren sehr glücklich miteinander, beschützt von der legalisierenden Anwesenheit meiner Großmutter." Und: Nabokov hat  "Alice im Wunderland" von Lewis Carroll ins Russische übersetzt. Es sei daran erinnert, dass der Autor dieses in England überaus populären Buches seinerzeit auch eine kleine Lolita hatte, für die er diese witzige Geschichte erzählte. Nabokov sprach in einem Interview über die Ähnlichkeit zwischen Lewis Carroll und dem Helden seiner Lolita: "Er hat eine gewisse rührende Ähnlichkeit mit H. H., aber ich hatte Skrupel, in `Lolita´ auf seine unglückliche Aberration, auf die zweideutigen Fotos anzuspielen, die er in verdunkelten Zimmern machte." Interessant Nabokovs Vergleich zwischen Lewis Carroll und Oscar Wilde, die beide von der so genannten Sexualnorm abwichen: Wilde beendete sein Leben im Gefängnis, Carroll dagegen ging in die Literaturgeschichte als der beste Freund der englischen Kinder ein! Es gibt, wie wir sehen, einige Anregungen, auf die der Stoff für Lolita zurückgehen könnte...  Übrigens gibt es von Lolita bereits einen Vorläufer. Die Erzählung "Der Zauberer" gilt als Nabokovs erste Version des "Lolita"-Themas, 1939 in Paris geschrieben: Ein Mann in den Vierzigern stellt einem Nymphchen nach und heiratet dessen kranke Mutter, um nach deren Tod das zwölfjährige Mädchen in seine Gewalt zu bringen. 1959 fand Nabokov eine Kopie der Geschichte wieder, die er verworfen und vermeintlich vernichtet hatte; veröffentlicht wurde diese Erzählung posthum 1986..

Zunächst war Lolita ein Skandalerfolg mit Pornographie-Vorwürfen. Heute gilt der Roman als Klassiker der modernen Weltliteratur, in über zwanzig Sprachen übersetzt, in über vierzehn Millionen Exemplaren erschienen.

Übrigens las ich gerade, dass Roman Polanski, der Regisseur des  Films "Der Pianist", zur eventuellen Oscar-Verleihung in die USA lieber nicht einreisen sollte, denn er war 1978 für schuldig befunden worden, Sex mit einer Dreizehnjährigen gehabt zu haben; er müsste noch heute, im Jahre 2003, mit einer Gefängnisstrafe bis zu zwanzig Jahren rechnen*.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

Das Buch zum Hörbuch!

 * Über sechs Jahre später lese ich im "Neuen Deutschland" vom 28.9.2009, dass Roman Polanski auf Basis eines US-Haftbefehls von 1978 am Flughafen Zürich-Unique verhaftet worden ist., seit 2005 war weltweit nach ihm gefahndet worden. Er war auf dem Weg zu einem Filmfestival, wo er für sein Lebenswerk geehrt werden sollte. Laut Schweizer Polizei läuft nun ein Auslieferungsverfahren gegen den Regisseur. Das Mädchen, an dem Polanski sich vergangen haben soll, ist heute Mitte Vierzig. "Er hat mich wissen lassen, dass es ihm leid tut", sagte die Frau vor einem Jahr in einem Interview mit der Zeitschrift "Vanity Fair". Sie hege keinen Groll mehr und wünsche ihm viel Glück, bei allem was er tut.

 

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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 13.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wo sich das Glück aufgewärmt hat, da bleibt es.
Sprichwort der Russen

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