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Belletristik REZENSIONEN

Danijar und Dshamilja statt Romeo und Julia

Kyrgyse
Dshamilja
Aus dem Russischen von Gisela Drohla
Erzählung
Mit einem Vorwort von Louis Aragon, Aus dem Französischen von Traugott König
suhrkamp taschenbuch 3406
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2002, 123 S. 
 
Der Kyrgyse Aitmatow (1928 bis 2008) war knapp dreißig Jahre alt, als er "Die schönste Liebesgeschichte der Welt" geschrieben hatte - als Diplomarbeit am Maxim Gorki-Literaturinstitut in Moskau. Derjenige, der sich so entzückt äußerte über Dshamilja (Als "Dshamila" 1974 beim Ostberliner Verlag Volk und Welt erschienen.), war der französische Schriftsteller Louis Aragon (1897-1982). Er schrieb (am 30. März 1959), dass ihm Romeo und Julia nichts mehr bedeute, seit er Danijar und Dshamilja getroffen habe "im Sommer des dritten Kriegsjahres, in jener Augustnacht 1943, irgendwo im Tal des Kukureu, mit ihrem Kornwagen, und das Kind Said, das ihre Geschichte erzählt".

"Das Kind Said" ist da fünfzehn Jahre alt und der Schwager von Dshamilja, ihres Mannes jüngster Bruder. Dshamilja war vier Monate mit dem Bruder Sadyk verheiratet, als dieser zur Front eingezogen wurde. Sie ist arbeitsam, hat einen unabhängigen, freien Charakter, kann unbändig lachen und ist schön; auch ihre Schwiegermutter liebt sie. Danijar war geboren in diesem Aul (wie die Übersetzerin schreibt; richtig dagegen ist Ail; denn Aul nennt man ein Dorf im Kaukasus), aber als seine Eltern starben, geriet er zu Verwandten nach Kasachstan. Erst als er verwundet von der Front kam, ging er zurück in seinen Heimat-Ail. "Jeder Mensch liebt seine Heimat und sein Volk", sagen die alten Leute zu Danijar. "Du hast gut daran getan, daß du zurückgekehrt bist." Danijar erweist sich als verschlossen, hält sich abseits und nimmt keinen Anteil am Leben des Dorfes. In seinem Blick ist stets etwas Gutmütiges, Verzeihendes, aber auch etwas unsagbar Schwermütiges. "Ein Mensch wie Danijar wird meist von den anderen verspottet oder bemitleidet."

Said spürt, dass Danijar nur Augen für Dshamilja hat und ärgert sich, denn er findet, dass der seiner Dshene (Frau des Bruders) vollkommen unwürdig ist. Auch Dshamilja neckt Danijar und scheint ihn nicht besonders für voll zu nehmen. Als sie schon viele Tage lang gemeinsam mit Said über eine weite Strecke Korn transportiert haben, fordert sie ihn auf, ein Lied zu singen. Am Anfang klingt Danijars Stimme belegt, doch allmählich gewinnt sie an Kraft, erfüllt die ganze Schlucht und hallt in den fernen Felsen wider. Plötzlich wird Said alles klar: " (...) seine Absonderlichkeiten, die bei den Leuten Verwunderung und Spott hervorriefen, seine Verträumtheit, sein Hang zur Einsamkeit, seine Schweigsamkeit. "Ich begriff jetzt, warum er ganze Abende auf dem Wachthügel saß und allein am Fluß übernachtete, warum er unablässig auf Laute horchte, die anderen nicht vernehmlich waren, warum manchmal seine Augen aufleuchteten und seine meist gerunzelten Brauen empor zuckten. Er war ein zutiefst verliebter Mensch. Aber er war nicht einfach in einen anderen Menschen verliebt - sondern es war eine andere, alles umfassende Liebe zum Leben und zur Erde. Diese Liebe erfüllte ihn ganz, sie klang aus seinen Liedern, sie war sein Leben."

Die verheiratete Dshamilja aus dem Dorf Bakair hoch oben in den Bergen bricht mit allen fest verwurzelten kyrgysischen Traditionen und zeigt Danijar ihre Liebe: "Ich kann doch nichts dafür... Und du kannst auch nichts dafür..." Die tapfere Dshamilja gibt der Liebe den Vorzug vor der gesetzlichen Ehe, vor der Pflicht der Frau gegenüber ihrem Mann im Krieg. Füreinander bestimmt, verlassen sie das Dorf... Wohin sie gehen, erfährt der Leser nicht, auch nicht, was aus ihnen wird.

Natürlich werden die beiden Liebenden von den Dorf-Bewohnern verurteilt, niemand versteht Dshamilja, die es doch so gut bei ihrer Schwiegermutter hatte. Und bei ihrem Mann? Der, ein Pferdehirt, hatte sie, die Tochter eines Pferdehirten, bei einem Pferde-Wettrennen nicht einholen können. Der tief gekränkte Sadyk soll Dshamilja daraufhin einfach entführt haben. Geliebt hat er sie wohl nicht... Nur einer im Dorf verurteilt Dshamilja nicht: Said, dessen erste kindliche Liebe Dshamilja gewesen ist und der das Wachsen der Zuneigung von Danijar und Dsamilja bei der gemeinsamen Arbeit miterlebt hat.

Said, der schon in der Schule gerne zeichnete, beschließt, Maler zu werden und die Erde so zu sehen, wie Danijar sie sah: " (...) ich wollte sein Lied in Farben wiedergeben und wie er von Bergen, Steppen, Menschen, Gräsern, Wolken und Flüssen erzählen."

"Jeder Mensch hat nur ein Leben. Tschingis Aitmatow steht noch am Anfang...," schreibt Aragon in seinem Vorwort zu Dshamilja. Das Umschlagbild des Buches ist dem Bildband "Ferne Heimat KIRGISIEN"  entnommen, für den der heute über siebzigjährige Aitmatow das Vorwort schrieb. Dazwischen liegen viele weltberühmt gewordene Erzählungen, Novellen, Romane, Essays...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 30.06.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 20.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Mit dem Fuß gestolpert, kommst du wieder zum Stehen,
mit der Zunge gefehlt, kann sein, du kommst nicht mehr auf die Beine.
Sprichwort der Kyrgysen

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