Belletristik REZENSIONEN

Eine kriminalistische Eintagsfliege?

Russin
Club Kalaschnikow
Aus dem Russischen von Margret Fieseler
Aufbau-Verlag, Berlin 2002, 445 S.

Polina Daschkowas erster Kriminalroman "Die leichten Schritte des Wahnsinns" wird gegenwärtig ins Holländische, Spanische, Italienische und Englische übersetzt. Hat jener  Krimi nicht nur Gabriele Krone-Schmalz Gänsehaut verursacht, so löst der zweite (Startauflage fünfzigtausend Exemplare) vorrangig Langeweile aus. War das erste Buch der Daschkowa eine kriminalistische Eintagsfliege? Es ist wahr, die Autorin versteht es, Charaktere zu zeichnen, sie sind psychologisch feinsinnig, besonders gut gelingen ihr Frauengestalten: die Primaballerina Katja, die Masseuse Sweta, die Schauspielerin Margarita, die Studentin Olga.

Worum geht es in Club Kalaschnikow? Gleb Kalaschnikow, ein reicher Casino-Besitzer, wird erschossen. Ein Auftragsmord? Ein Mord aus Eifersucht? - schließlich war er, der Sohn eines berühmten Schauspielers und Abgeordneten, ein notorischer Frauenheld. Als auf Seite 268 die schöne, aber seltsame Olga verhaftet wird, weiß sogar der allzu brave Major der Miliz (und der krimigewiefte Leser sowieso), dass Olga nicht die Täterin ist. Aber wer ist es dann? Auch das ist unschwer zu erraten - gerade weil die Daschkowa ihre Figuren psychologisch so brillant beschreibt. Von ihrem ersten Krimi angetan, kann man sich allerdings schwer vorstellen, dass es sich die inzwischen berühmte Autorin so einfach machen würde, und so wartet man auf den großen Knalleffekt, der sich auf Seite 428 dann auch prompt abzeichnet: Pawel, Katjas einziger Freund - Katja ist die Witwe von Gleb Kalaschnikow - hat in seiner Wohnung Frauenkleider aufbewahrt und eine Perücke mit langen, leuchtendroten Haaren. Als Katja sie findet, glaubt sie zu wissen, wozu Pawel diese Gegenstände dienen.

Aber, ach, der Verdacht von Katja stellt sich als ein fataler Irrtum heraus, denn der erstklassige Programmierer Pawel Dobrowin hat eine weiße Weste. Immerhin, von 445 Buchseiten drei Seiten echte Spannung!

Als Polina Daschkowa ihren ersten Krimi einem Verlag anbot, fragte der Lektor, wie viele Leichen es denn im Roman gäbe. "Fünf", antwortete sie. "Zu wenig", war die Antwort. "Und Sex?" - "Es gibt Liebe, aber keinen Sex." Nun, Frau Autorin ist gelehrig; denn Sex gibt es in ihrem zweiten Krimi in Hülle und Fülle. Dafür steht Jegor Barinow, früher ein "Komsomol-Schürzenjäger sowjetischer Prägung", heute ein Präsidentenberater mit ausgeprägten Schürzenjäger-Manieren  neurussischer Art.

Die schöne Powerfrau Polina Daschkowa, die sich bei der Schreib-Arbeit mit starkem Kaffee und vielen Zigaretten munter hält, schafft durchschnittlich drei dicke Krimis im Jahr. Da steht uns also noch einiges ins Haus...

In vielen Krimis und auch im Buch der Daschkowa, spielen kaukasische Mafiosis  ihre voreingenommen-vorgegebene Rolle. Aber im Kaukasus gibt es mehr als dreißig Nationalitäten mit ganz unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Sprachen und Religionen. (Leo Trotzki nannte den Kaukasus "ein geräumiges Museum für Völkerkunde".) Welches kaukasische Volk soll denn nun verunglimpft werden?

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 23.11.2008.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Ohne Feldrain kein Besitztum.
Sprichwort der Russen

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