Kinderbuch-JugendbuchREZENSIONEN

Von zwei bösen Schwestern und einer bösen Base

Russe
Das Märchen vom Zaren Saltan
Mit ganzseitigen farbigen Illustrationen von Gennadij Spirin
Nacherzählt von Sybil Gräfin Schönfeldt
Esslinger Verlag, Esslingen/Wien 1995, 23 x 31 cm, 26 S.

"Rußland zu lieben, die Dichtung des Heimatlandes zu verstehen, die wunderbar reiche und zu Herzen gehende russische Sprache kennenzulernen - all das brachte Puschkin seine Kinderfrau Arina Rodionowna Matwejewa bei, von der vielleicht noch nicht einmal jeder den Namen kennt", sagte einst der unvergessene russische Schriftsteller Konstantin Paustowski (1892-1968). Ja, den Namen der einfachen bäuerlichen Kinderfrau Puschkins sollte man sich merken; denn Alexander Puschkin hätte ohne ihre Erzählkunst wohl schwerlich so schöne Märchen verfasst wie "Das Märchen von dem Popen und seinem Knecht Trottel" (geschrieben in Boldino 1830, postum veröffentlicht 1840), Das Märchen vom Zaren Saltan (geschrieben 1831, veröffentlicht 1832) "Das Märchen vom Fischer und dem Fischlein" (geschrieben 1833, veröffentlicht 1835), "Das "Märchen von der toten Zarentochter und den sieben Recken" (geschrieben 1833, veröffentlicht 1834), "Das Märchen vom goldenen Hahn" (geschrieben 1834 veröffentlicht 1835)...

Das Märchen vom Zaren Saltan, von Puschkin in Gedichtform (für Erwachsene und Kinder) geschrieben, ist von Gennadij Spirin illustriert und wird von Sybil Gräfin Schönfeldt - beide kennen wir schon von "Kaschtanka" und "Die kleine schwarze Henne" - nacherzählt, in einfachen Worten für Kinder ab etwa sechs Jahren. Dabei bleibt zwar der Inhalt erhalten, aber die Poesie der Puschkinschen Sprache geht vollkommen verloren - was mehr als schade ist. Dennoch: Es ist ein großes Verdienst des Esslinger Verlages,  klassische russische Schriftsteller Kindern nahe zu bringen.

In Puschkins Märchen vom Zaren Saltan - das Anklänge an den späten westeuropäischen Ritterroman erkennen lässt - stellen zwei neidische Schwestern und die böse Base [Cousine] des Zaren Schreckliches an, weil sie der dritten, der jüngsten Schwester, ihr Glück mit dem Zaren Saltan neiden. Dann muss der Zar in den Krieg ziehen. Während dieser Zeit gebiert die Zarin einen Sohn. Die bösen Schwestern und die böse Base schreiben dem Zaren einen Brief, dass ihm ein Ungeheuer geboren ward. Und den Bojaren des Zaren übermitteln sie einen gefälschten Brief des Zaren mit dem Befehl, die Zarin und den neugeborenen Sohn zu ertränken.

Wie die Zarin und der Sohn gerettet werden, wie der Sohn, erwachsen geworden, eine wunderschöne verwunschene Zarentochter freit, und wie Zar Saltan endlich die Wahrheit über Gemahlin und Sohn erfährt, das sollt ihr Kinder selber lesen oder: Euch vorlesen lassen.

Bei Puschkin lauten die Zeilen, als des Zaren Sohn das erste Mal der schönen Zarentochter in Gestalt eines Schwans begegnet, so:

Kaum jedoch kam er ans Meer,

Hört er: Jemand stöhnt gar sehr...
Sieht: Ein Schwan im Schaume bebt,
Über ihm ein Geier schwebt;
Und der Schwan schaut bang unsäglich,
Windet sich und zittert kläglich,

Wild gespreizt hat - welch ein Graun! -
Schon der Geier seine Klaun...
Doch von dem gespannten Bogen
Plötzlich kommt ein Pfeil geflogen
In des Geiers Hals - sein Blut
Färbt mit Pupur rings die Flut,
Und in Todesqual und Grimme
Schreit er wie mit Menschenstimme.
Und der Schwan mit Schlagen, Beißen
Sucht ihn in die Flut zu reißen,
Sicher ihn zu töten. Drauf
Tut der Schwan den Schnabel auf,
Russisch und mit Menschenton
Spricht er zu dem Zarensohn:
"Zarensohn! Mich zu erlösen,
Kamst du, von der Macht des Bösen:
Kannst du jetzt um meinetwillen
Auch nicht deinen Hunger stillen
Ging verloren auch dein Pfeil,
Glück wird dir dafür und Heil!
Keinen Schwan hast du befreit -
Eine stolze Königsmaid!
Und der Geier, der als Ziel
Deines sichern Schusses fiel,
War ein Zauberer - reicher Lohn
Soll dir werden, Zarensohn!
Deinem Dienst will ich mich weihn,
Überall dir nahe sein...
(Deutsch von Friedrich Bodenstedt)

Von Sybil Gräfin Schönfeldt nacherzählt, lesen sich jene Märchenzeilen Puschkins so:

"Als er [der Zarensohn] nach Beute Ausschau hielt, hörte er plötzlich ein Stöhnen und Klagen und sah einen Schwan in der Brandung, über dem ein Habicht schwebte. - Schnell legte er den Pfeil an die Sehne und traf den Raubvogel am Halse. Mit einem lauten Schrei wie von Menschenmund stürzte der Habicht in die Gischt, und der Schwan machte ihm mit Flügelschlägen und Schnabelhieben den Garaus. - `Dank dir, Zarensohn!´ rief der Schwan. `Du hast mich aus der Macht des Bösen erlöst. Denn wisse, ich bin eine Königstochter, und der Habicht war ein heimtückischer Zauberer. Trauere nicht um deine entgangene Beute! Ich will´s dir reich entgelten, will dir immer nahe sein und all deine Wünsche erfüllen.´"

Puschkin ist nur noch am Inhalt zu erkennen! Mir will auch nicht zusagen, dass das russische Märchen vom Zaren Saltan mit dem typisch deutschen Märchenanfang "Es war einmal" beginnt und mit dem typisch deutschen Schlusssatz endet: "Und wenn sie nicht gestorben sind..."

Und: Da scheint auch noch der Übersetzungsteufel seine Hand im Spiel gehabt zu haben, denn welcher Zauberer verwandelt sich in einen kleinen Habicht, um einen Schwan anzugreifen? Im Original steht ein Geier, der von Gennadij Spirin auch detailgetreu gezeichnet wurde. Überhaupt, die Zeichnungen - die eigentlich Gemälde sind - söhnen mit dem Buch ohne Puschkins Verse aus. Man kann sich nicht satt sehen an den prächtigen Kleidern des Zaren, an denen der reichen Bojaren, der neidischen Schwestern, der missgünstigen Base, des schönen jungen Zarensohnes, der liebenswerten Zarenmutter und der nun im Glanz von Gold und Silber erstrahlenden, einst als Schwan verwunschenen Zarentochter. Aus Samt, Seide und herrlichen Pelzen sind die Gewänder, bestickt, ornamentiert - in üppiger Farbenpracht. Und die Kronen und Kopfbedeckungen und die Zepter und Dolche und das prachtvolle Zaumzeug der edlen Pferde! Mit wie viel Liebe hat der Russe Spirin, der mit seiner Familie in den USA lebt, den feinen Pinsel geschwungen...

*

Liebe Eltern, Liebe Großeltern!

2007 stellte die Akademie für Leseforschung fest, dass Kinder erstaunliche Lesefortschritte machen, wenn sie laut lesen. Regen Sie Ihre Kinder und Enkelkinder also unbedingt zu lautem Lesen an! Ferner wurde erforscht, dass zwei von drei Eltern ihrem Nachwuchs niemals etwas vorlesen. Und die meisten Eltern, die ihren Kindern von der Geburt bis zur Einschulung etwas vorlesen, tun dies insgesamt nur etwa 24 Stunden. Die Stiftung Lesen kündigt für 2008 an, in Arztpraxen bei den Pflichtvorsorge-Untersuchungen den Eltern Lesestart-Pakete zu überreichen. Säumen Sie nicht - lesen Sie Ihren Kindern schon heute Abend  etwas vor - vielleicht aus dem Buch von Alexander Puschkin Das Märchen vom Zaren Saltan.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  

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  • Alexander Puschkin, Das einsame Häuschen auf der Basilius-Insel.
  • Alexander Puschkin (Aleksandr Puškin), Pique Dame, Hörbuch.
  • Anthologie, Märchen-Samowar, (Darin: Nikolaj Gogol, Der Jahrmarkt von Sorotschinzy; Anton Tschechow, Kaschtanka;
    Nikolaj Gogol, Die Nase; Alexander Puschkin, Das Märchen vom Zaren Saltan.), Kinderbuch.

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    Nikolaj Gogol, Die Nase; Alexander Puschkin, Das Märchen vom Zaren Saltan.).
  • Anton Čechov (Tschechow), Kaschtanka und andere Kindergeschichten.
  • Julie Andrews Edwards / Emma Walton Hamilton, Simeons Geschenk.
  • Antony Pogorelskij, Die kleine schwarze Henne. 
  • Leo Tolstoj, Philipok.
  • Anton Tschechow (Čechov), Kaschtanka.

Am 24.05.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 10.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Nur die Geburt macht den Tod wett.
Sprichwort der Russen


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