Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

Russland ist ein Vielvölkerstaat!

Deutscher; über den Altai, Burjatien, Kamtschatka, Russland, Tatarstan, Tschukotka
Russisches Tagebuch
Eine Reise von den Tschuktschen bis zum Roten Platz
List Verlag, München 2002, 287 S.

Russisches Tagebuch - das gibt es schon: 1906 nämlich begab sich ein deutscher Reisender nach Russland - der Bildhauer, Grafiker und Dichter Ernst Barlach, der seine Eindrücke in einem "Russischen Tagebuch" festhielt; das Erlebnis dieser Russlandreise hat Thema und Stil seiner weiteren Arbeiten entscheidend geprägt. Thomas Roth weilte auf seiner vierwöchigen Reise in der Russländischen Föderation auf Tschukotka, Kamtschatka, in Burjatien, im Altai, in Tatarstan. Da wäre "Russländisches Tagebuch" richtiger gewesen; denn hier geht es ja um das Gebiet der Russischen Föderation mit etwa achtzig verschiedenen Völkern, wovon die Russen, wenn auch das größte Volk, aber doch nur eines  ist.

Roth hatte, bevor er dieses Buch schrieb, als ARD-Korrespondent drei Wochen lang Tag für Tag live aus vielen Orten des größten Staates der Welt berichtet. Den Buch-Leser lässt Roth nacherleben, was es organisatorisch und nervlich bedeutet, mit "berüchtigten" eineinhalb Tonnen Fernseh-Dreh-Gepäck durch das teils chaotische Land zu reisen und auf die Minute genau die Beiträge nach Deutschland  übertragen zu müssen und dabei auch noch die acht Zeitzonen zu berücksichtigen mit bis zu elf Stunden Zeitunterschied. Die 26 000 Kilometer lange Reise führte Roth und sein Team vom östlichsten Punkt Russlands am Eismeer in Lawrentija über die vulkanische Halbinsel Kamtschatka und die ehemalige GULAG-Stadt Magadan nach Sibirien und in den Fernen Osten und von dort über St. Petersburg und Königsberg zurück nach Moskau. Ich erinnere mich an einige Tagesschau-Beiträge, die ich sehr interessant fand, zumal ich als DDR-Journalistin in den meisten Gebieten selbst gewesen bin - auch in Lawrentija auf Tschukotka, auch im Burjatischen Kloster von Iwolginsk, auch in Magadan, auch in Wladiwostok. Was ich in Wladiwostok damals nicht erfahren hatte: "Einer der berühmtesten Glatzköpfe, der in Hollywood die ganz große Kariere machte, kam aus Wladiwostok - Yul Brynner, der dort 1920 geboren wurde. Bynners Großvater, ursprünglich ein Schweizer, besaß eine Import-Export-Firma in Wladiwostok, die bis weit nach Ostsibirien und in die Mandschurei Handel trieb. Brynners Mutter setzte sich, von ihrem Mann verlassen, mit dem vierjährigen Jungen nach Paris ab."

Thomas Roth, geboren 1951, wurde 1991 Korrespondent des ARD-Studios in Moskau, war dann Programmdirektor des WDR-Hörfunks in Köln und ging 1998 wegen seiner großen Verbundenheit mit dem Land als ARD-Studioleiter und Russland-Korrespondent wieder nach Moskau. Verständlich, wenn Fernsehjournalisten - sei es Ruge, Pleitgen, Krone-Schmalz, Elfi Siegl, Sonia Mikich oder Dietmar Schumann  - den Wunsch haben, ihre Erlebnisse auch gedruckt zu sehen. Nur, was in Wenige-Minuten-Beiträgen der Tagesschau durchaus beeindruckend ist, reicht nicht aus für eine Druckschrift. Da muss intensiv nachrecherchiert werden, sonst entlarvt das gedruckte Buch den Fernsehjournalisten des flüchtigen Augenblicks. So werden beispielsweise in vielen Reisebüchern, auch im Buch von Roth, Gesprächspartner mit Zahlen und bedeutenden Fakten genannt, ohne deren Namen anzugeben. Da erzählt zum Beispiel der Historiker des GULAG-Museums der Stadt Magadan vom außerordentlich harten  Leben  der Sträflinge, nennt die Häftlingszahlen von 1934 (29 000), 1937 (70 000), 1939 (138 000), 1940 (190 000), spricht von 130 000 Todesfällen, 12 000 davon durch Erschießungen. Aber wie ist der Name dieses Gewährsmannes? Was im schnellen Fernsehen gar keine Chance hat aufzufallen, wird im Buch augenfällig.

"Was ich in diesem Buch zu beschreiben versuche", sagt Roth in seiner Danksagung am Schluss seines Buches, "ist nicht nur eine Reise. Es ist an manchen Stellen auch der Versuch einer Einschätzung der Jahre, die ich in Russland habe verbringen dürfen." Man spürt Roths große Sympathie zu Land und Leuten; die außerordentlich gastfreundlichen Menschen haben es ihm angetan.

Auf zwei offensichtliche Fehler im Buch sei hingewiesen: Der Lieblingskünstler des Moskauer Oberbürgermeisters heißt Surab Zereteli, nicht Zeritelli (S. 273). Und: Richtig ist, dass Lenin an der berühmten Kasaner Universität studiert hat, falsch ist, dass er väterlicherseits tschuwaschischer Nationalität war. Lenins Vater war Kalmyke! Die etwa 1 751 000 Tschuwaschen sind aus der Vermischung finnougrischer Stämme mit den Wolga-Bulgaren hervorgegangen, sprechen eine Türksprache, und sie sind orthodoxe Christen. Die etwa 147 000 Kalmyken sind die Nachkommen westmongolischer Stämme, ihre Sprache gehört zur Gruppe der mongolischen Sprachen, und sie sind lamaistische Buddhisten.

Sie mögen noch so lange in Russland gelebt haben, die Russland-Korrespondenten, mit den über achtzig Völkern der Russischen Föderation und den über einhundert Völkern der GUS insgesamt kennen sie sich nicht aus. So schreibt Roth, dass ihn die Reise weiter hinauf in die burjatischen Berge führte, in eine Gegend, in der das kleine Volk der Sojoten lebt. Wer sind die Sojoten? Sojoten, so nannten sich einst die Tuwiner, heute ein Volk mit etwa 166 000 Angehörigen, wovon 97,6 Prozent in der Tuwinischen Teilrepublik Russlands beheimatet sind. Man spricht doch heute auch nicht von Tscheremissen, wenn die Mari gemeint sind, von Ostjoten, wenn von den Chanten die Rede ist, von Samojeden, wenn über die Nenzen gesprochen wird. Thomas Roth: "Russland (...) ist eben ein Vielvölkerstaat, auch wenn diese Tatsache im Westen immer noch nicht jedem bewußt ist."

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.
 

Das Glück kommt nur zu dem, der ihm entgegengeht.
Sprichwort der Tschuktschen

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