| Belletristik REZENSIONEN | |||||||||||||
Ein geborener Erfinder | |||||||||||||
| Michail Kalaschnikow Mit Elena Joly |
Russe | ||||||||||||
| Mein Leben | |||||||||||||
| Aus dem Französischen von Bernd Wilczek Verlag Antje Kunstmann, München 2004, 192 S. | |||||||||||||
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Nicht Lenin, nicht
Stalin, nicht
Gorbatschow ist der in der Welt am
häufigsten genannte russische1 Name, sondern - Kalaschnikow. In fünf
Kontinenten sind etwa achtzig Millionen Kalaschnikows im
Umlauf. Dieses Sturmgewehr AK-47 hat Michail Kalaschnikows Leben geprägt.
Die in der Sowjetunion geborene, jetzt in Paris lebende Autorin Elena Joly ist mit Kalaschnikows Tochter Lena befreundet. Diese hat ihr eines Tages die Geschichte ihres Vaters und seiner Familie erzählt. "Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass es hinter dem Gewehr, das alle kennen, einen Mann mit einem außergewöhnlichen, tragischen, sehr russischen Schicksal gab." Es entstand diese aufschlussreiche Biographie, die auf zahlreichen Interviews mit Kalaschnikow beruht. Michail Kalaschnikow wurde 1919, mitten im Bürgerkrieg, im Dorf Kurya (Altai2) als Sohn von Bauern geboren*. Seine Mutter gebar achtzehn Kinder, von denen acht am Leben blieben. 1930 - da war Michail elf Jahre alt - wurden die Kalaschnikows Opfer der stalinistischen Repression, der so genannten "Entkulakisierung". Die Eltern und fünf Söhne wurden nach Sibirien verbannt; der Vater starb mit achtundfünfzig Jahren in der Verbannung. Michail flüchtete 1934 mit einem gleichaltrigen Freund und kehrte zu Fuß in das tausend Kilometer entfernte Heimatdorf zurück. Heute steht hier seine Büste. Eines Tages findet Kalaschnikow eine verrostete, unbrauchbare deutsche Pistole. Er versucht, sie wieder funktionstüchtig zu machen "und begreift, dass er seine Berufung gefunden hat". Er ist Techniker in Kasachstan3, Panzermechaniker, als er 1938 einberufen wird. Mit zwanzig Jahren erfindet er eine eigene technische Vorrichtung für Panzer. General Shukow ist von dem jungen Mann angetan. "Doch die Angst, dass jemand etwas von meiner Vergangenheit in der Verbannung erfahren könnte, quälte mich fortwährend." In der Schlacht von Brjansk wird Kalaschnikow schwer verwundet, irrt sieben Tage hinter den deutschen Linien umher, wird gerettet und gelangt in ein sowjetisches Militärkrankenhaus, von einem einzigen Gedanken beherrscht: "Ich wollte eine Waffe bauen, um die Faschisten zu besiegen." So entstand nach fünfjähriger unermüdlicher Arbeit das legendäre Sturmgewehr. Kalaschnikow (mit der technischen Zeichnerin Katja Moissejewa verheiratet, sie haben drei Töchter) hat nie Abitur gemacht, die Schule nur bis zur siebenten Klasse besucht. "Zeugnisse sagen längst nicht alles über das Wissen eines Menschen aus." Er sei, so sagt er, der geborene Erfinder... Seit Perestroika und Glasnost kann Michail Kalaschnikow endlich über seine Vergangenheit sprechen und die Welt bereisen, von Ishewsk (Republik Udmurtien4) aus, wo er seit über einem halben Jahrhundert lebt. Trotzdem, Gorbatschows Reformen hat Michail Kalaschnikow nie befürwortet. Er meint von sich, dass er kein politischer Mensch sei (obwohl er jahrzehntelang Deputierter war...). Auf die Frage, wie er dazu stehe, dass die Kalaschnikow sowohl zur Befreiung als auch zur Unterdrückung der Völker beigetragen habe (z. B. in Afghanistan), sagt er: "Die Waffe führt ein Eigenleben, das vollkommen unabhängig von meinem Leben ist. (...) Ich hoffe, ich bleibe den Menschen als derjenige in Erinnerung, der eine Waffe für die Verteidigung seines Vaterlands und nicht für Terroristen entwickelt hat." Bis heute hat Michail Kalaschnikow mehr als fünfzig Entwicklungszertifikate sowohl für verschiedene Waffenbauteile als auch für ganze Waffen erworben. Obwohl er die schlimmsten Kapitel der sowjetischen Geschichte am eigenen Leben erfahren hat, hält er Stalin noch heute für einen der großen nationalen und militärischen Führer des 20. Jahrhunderts, und Lenin ist für ihn ein Genie. Die Nachfolger Stalins dagegen haben ihn nicht besonders beeindruckt. Über Chruschtschow sagt er: "Er ergriff gern das Wort. Wenn er etwas oder jemanden kritisierte, tat er es auf eine schonungslose Art. Er lobte sich gern selbst und machte unglaubliche Versprechungen." Über Breshnew: "Vor Ort machte er viele Versprechungen, die aber tote Buchstaben blieben." Über Gorbatschow: "Unter seiner Führung haben wir (...) dem Land ein neues Gesicht gegeben, indem wir den Sozialismus erst gegen die Demokratie und dann gegen die `neurussische´ Soße tauschten." Kalaschnikow verachtet Gorbatschow zutiefst dafür, "was er unserem Land angetan hat, indem er den Zerfall der Sowjetunion zu ließ." Über Jelzin: "Den mag ich nun wirklich nicht. Ich fand ihn schon immer selbstgefällig und hochmütig." Über Putin schweigt er sich aus... Voller Stolz erklärt Kalaschnikow, nie auch nur eine Kopeke aus dem Verkauf seiner Gewehre erhalten zu haben. Es kam ihm nicht einmal in den Sinn, seine Erfindung patentieren zu lassen. Stattdessen erhielt er alle Orden, die es in Russland gab. Der Name Kalaschnikow genießt heute regelrechten Kultstatus: So ziert die 3,8 Kilogramm schwere Waffe T-Shirts und benennt seit kurzem sogar einen Wodka. Als ich diese sehr interessante Biographie gelesen hatte, fiel mir Tschingis Aitmatow ein, der mit dem deutschen Journalisten Martens über den "Homo sovieticus" (den Sowjetmenschen) spricht. Wenn einer ein typischer "Homo sovieticus" (Ein Mensch, der von den üblichen politischen und ideologischen Ansichten der Sowjetunion überzeugt war.) geblieben ist, dann ist es der heute fünfundachtzigjährige Michail Kalaschnikow - der letzte lebende Konstrukteur moderner Feuerwaffen der ersten Generation. | |||||||||||||
Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de * Anlässlich seines 85. Geburtstages wurde für den Waffenkonstrukteur Kalaschnikow in seiner Geburtsstadt Ishewsk das erste Kalaschnikow-Museum der Welt eröffnet. Michail Kalaschnikow hat dem Museum persönliche Fotos, Archivmaterial, Bücher mit seinen Erinnerungen, Videomaterialien, Urkunden und Auszeichnungen sowie seine Hieb- und Stichwaffensammlung überlassen. Außerdem werden verschiedene Typen der Kalaschnikow-Maschinenpistole gezeigt. Der Umriss der Kalaschnikow ist auf den Flaggen von sechs Staaten abgebildet. 1 Die (etwa 137,4 Millionen) Russen leben in der Russischen Föderation/Russland; die Hauptstadt ist Moskau. Das Russische ist die von den meisten Menschen gesprochene ostslawische Sprache. Ihre ältesten Sprachdenkmäler stammen aus dem 11. Jahrhundert. - Die gläubigen Russen sind orthodoxe Christen. 2 Die etwa 71 600 Altaier (2006) leben in der sibirischen Republik Gorno-Altai, von 1922 bis 1947 wurden sie Oiroten genannt; die Hauptstadt ist Gorno-Altaisk. Die nördlichen Dialekte des Altaiischen gehören zur uigurischen, die südlichen Dialekte zur kiptschaikisch-kirgisischen Gruppe der Turksprachen, das Altaiische ist seit 1922 Schriftsprache. - Die gläubigen Altaier sind teils sunnitische Muslime, teils orthodoxe Christen, aber auch Lamaisten und schamanische Animisten. 3 Die (etwa 8,136 Millionen) Kasachen leben in der mittelasiatischen Republik Kasachstan, die Hauptstadt ist Astana (vorher: Alma-Ata, dann Almaty). Das Kasachische gehört zur kiptschakischen Gruppe der westlichen Türksprachen. - Die gläubigen Kasachen sind sunnitische Muslime. 4 Die (etwa 747 000) Udmurten leben in der Udmurtischen Republik, die Hauptstadt ist Ishewsk. Das Udmurtische gehört zur permischen Gruppe der finnougrischen Sprachfamilie. - Die gläubigen Udmurten sind überwiegend schamanische Animisten, zum Teil auch orthodoxe Christen.
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| Ein Sack ist kein Versteck für ein Gewehr. | |||||||||||||
| Sprichwort der Russen | |||||||||||||
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