Hörbuch REZENSIONEN

Reise in den Vollrausch

Russe
Die Reise nach Petuschki
Lesung (Live aufgenommen am 27. Januar 1998 im Literaturhaus Hamburg)
Aus dem Russischen von Natascha Spitz
Sprecher: Josef Bilous, Robert Gernhardt, Harry Rowohlt
Kain & Aber Records, 4 CDs, Laufzeit: etwa 288 Minuten. Mit Booklet.

(Rezensiert,  entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz Schön.)

Schon bald nach seinem Entstehen (1969) war Die Reise nach Petuschki eines der populärsten aller Manuskripte der durch den "Samisdat" verbreiteten Untergrundliteratur. 1973 wurde der Roman in der israelischen Zeitschrift "Ami" auf Russisch publiziert und erschien in Buchform zuerst in französischer Übersetzung. Wie auch hätte dieses groteske Bild von einer sozial und seelisch verwahrlosten russischen Gesellschaft zu Sowjetzeiten erscheinen können? Und auch die Perestroika machte eine Veröffentlichung des grausam entlarvenden Poems erst 1988 möglich, da erschien es - leicht gekürzt - in der sowjetischen Zeitschrift "Nüchternheit und Kultur".

Wenedikt Jerofejew, geboren 1938 in Kirowsk bei Murmansk, gestorben 1990 in Moskau, studierte in Moskau und Wladimir Geschichte und Literatur, bis er von der Universität flog und sich fortan als Heizer, Wärter, in der Pfandflaschenannahme, als Milizionär, Straßenarbeiter und Monteur beim Fernmeldewesen durchs sowjet-russische Leben schlug. Die Reise nach Petuschki entstand bei der Telefonkabelverlegung des Flughafens Scheremetjewo. Damals hätte man denjenigen für verrückt erklärt, der geweissagt hätte, dass im Jahr 2000 am Gebäude des Pädagogischen Instituts in Wladimir bei Moskau eine Gedenktafel an Wenedikt Jerofejew erinnern würde...

Die süffige Handlung beginnt am frühen Morgen mit Wenitschkas Weg zum Kursker Bahnhof und setzt sich während der Zugfahrt von Moskau nach Petuschki fort. Die Reise tritt unser immer betrunkener werdender Held, der wie der Autor heißt und ihm auch sonst nicht unähnlich zu sein scheint, in Obhut von Engeln an. Kurz vor dem Reiseziel bricht eine apokalyptische Finsternis herein, und unheilvolle Erscheinungen verhöhnen unseren dem Säuferwahnsinn nahen Helden - darunter ein zum Sprung aus der Eisenbahn einladender Satan, eine verstümmelte Sphinx sowie eine Horde Erinnyen, die durch den mit einem Mal in Richtung Moskau zurückfahrenden Zug sausen. Völlig verwirrt findet sich der Suffkopp Wenitschka mitten in der Hauptstadt wieder statt in Petuschki bei der fernen Geliebten und ihrem gemeinsamen kleinen Sohn, der schon den Buchstaben Q kennt. Hier, ausgerechnet vor dem Kreml, wird Wenitschka von vier Männern zusammengeschlagen und schließlich in einem Treppenhaus, in dem er Zuflucht sucht, bestialisch umgebracht. Vorbei Spaß und Gelächter, die groteske Komödie ist zur Tragödie ausgeartet... 

Weder als ich das Buch las, noch als ich 1991 die Premiere des Stücks im Theater der Berliner FREIEN THEATERANSTALTEN sah und auch nicht, als es mich 2001 auf der Studio-Bühne des Maxim Gorki Theaters begeisterte, fiel mir auf, wie viel Neutestamentarisches sich zwischen Wenedikts Tod und dem Opfertod Christi versteckt. Überliest man denn eher etwas als man es überhört? Womit ein Hohelied auf den Nervus statoacusticus und auf das Hörbuch gesungen sein soll. Schließlich haben auch die Sirenen nicht versucht, Odysseus und seine Gefährten mit ihren Leibern zu betören, sondern mit ihrem Gesang. Ein Rätsel ist mir allerdings, wie man, obwohl bei Buch und Lesung nahezu Gag auf Gag folgt,  fünf Stunden hintereinander den Ergüssen Wenitschkas und einiger anderer alkoholisierter Passagiere lauschen kann...

Apropos Gag: Einer ist missraten. Als Wenitschka nämlich seine berühmten Cocktails mixt, panscht er auch den einen oder anderen "Kuß" zusammen. So heißt die Mischung von selbst gebranntem Schnaps und Portwein No.33 "der erzwungene Kuß" oder einfacher "Kuß ohne Liebe" oder noch einfacher "Inès Armand". Warum lachten die lachfreudigen Zuhörer im Hamburger Literaturhaus an dieser Stelle nicht? Wussten sie nicht, dass die französische Revolutionärin Inès Armand (wahrscheinlich) Lenins Geliebte war? Oder wussten sie vielmehr, das Lenin ihr so sehr zugetan war, dass er zu ihrer Beerdigung öffentlich Tränen vergoss? "Kuß ohne Liebe" gleich "Inès Armand" - der Gag saß schon im Buch nicht.

Die drei Sprecher der Lesung - sowohl der als Dichter, Maler und Mitbegründer der "Neuen Frankfurter Schule", der in Frankfurt am Main lebende Robert Gernhardt, als auch der in Hamburg Eppendorf beheimatete Autor und Übersetzer Harry Rowohlt und Josef Bilous, der freie Schauspieler auf Wiener, Berliner und Hamburger Bühnen  - lesen die fast fünf Stunden wacker und ohrsympathisch; auch das aberwitzige Monologisieren im Suff kommt gut rüber. Besonders erstaunte mich, dass die Drei die vielen russischen Eigennamen und Bahnstationen richtig aussprechen. Aber da lese ich im Booklet, dass der bekannte Slawist Peter Urban für die Aussprache der russischen Bezeichnungen verantwortlich zeichnet. Wie angenehm für eine ans Russische gewöhnte Ohrenschnecke...


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

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Am 30.06.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 26.11.2019.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Der Ausschweifende sucht die Lasterhafte.
Sprichwort der Russen

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