Sachbuch REZENSIONEN

Gorbatschow - ein Lügner und Verräter?

Über den Russen Michail Gorbatschow
Wahrheiten über Gorbatschow
SPOTLESS-Verlag, Berlin 2005, 96 S.
 

 

Im Herbst 1999 soll Michail Gorbatschow vor einem Seminar an der amerikanischen Universität in Ankara gesagt haben: "Das Ziel meines ganzen Lebens war die Vernichtung des Kommunismus (...)".

Vor kurzem las ich die Gorbatschow-Biographie von Klaus-Rüdiger Mai, in der geradezu minutiös dessen stetiger Werdegang "Vom Landei zum ersten Präsidenten der Sowjetunion" geschildert wird. Aus diesem Buch trug ich eine ganze Manuskriptseite mit guten Charaktereigenschaften Gorbatschows zusammen. An zwei Stellen nur wird angedeutet, dass er auf Grund der politischen Umstände manchmal zum Heucheln gezwungen war...

Justus von Denkmann dagegen lässt kein gutes Haar an Michail Gorbatschow. In seinem Buch ist er durchweg ein Lügner und Verräter. Und alle Zitate, die der Autor heranzieht, sind belegt! Justus von Denkmann versichert "Vorab", mit seiner Arbeit nicht gegen zuvor erschienene Publikationen polemisieren zu wollen, sondern den tatsächlichen Umständen des DDR-Untergangs nachzuspüren, das Handeln Gorbatschows aus DDR-Sicht zu beleuchten.

Denkmann erinnert daran, dass Helmut Kohl von Gorbatschow erfahren wollte, was nach der Vereinigung Deutschlands mit der Staatsführung der DDR geschehen solle und welcher Personenkreis strafrechtlich zu verschonen sei. Gorbatschows Antwort: Das bliebe den Deutschen selbst überlassen. Und so wurde z. B. der DDR-Verteidigungsminister General Heinz Kessler - dem Gorbatschow Solidarität geschworen hatte - nach der Vereinigung angeklagt und verurteilt. Denkmann erinnert weiter an Gorbatschows Loblied im Mauer-Gästebuch 1986: "Am Brandenburger Tor kann man sich anschaulich davon überzeugen, wie viel Kraft und wahren Heldenmut der Schutz des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden vor den Anschlägen des Klassenfeindes erfordert. Die Rechnung der Feinde des Sozialismus wird nicht aufgehen. Unterpfand dessen ist das unerschütterliche Bündnis zwischen der DDR und der UdSSR..." und nach dem Mauerfall vor Schülern der Hildegard-Wegscheider-Oberschule in Berlin-Wilmersdorf: "Wenn ich mich an die Mauer in Berlin erinnere, spüre ich heute noch Entsetzen über dieses Bauwerk." Wie schnell und radikal Gorbatschow die Seiten wechseln konnte, beweist Denkmann an vielen Stellen seines Buches.

Wer den guten Gorbi in Erinnerung behalten will, lese Klaus-Rüdiger Mais Biographie, wer den bösen Gorbatschow vorzieht, führe sich Justus von Denkmanns "Wahrheiten" zu Gemüte - 2006 bereits in siebenter Auflage erschienen. Wie so oft liegt die Wahrheit (der Wahrheiten) wahrscheinlich in der Mitte. (Dennoch: Gorbatschows Zitat über "das Ziel seines Lebens" will mir nicht aus dem Kopf...)


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

Weitere Rezensionen zum Thema "Sowjetpolitiker und russische Politiker":

  • Natalija Geworkjan / Andrei Kolesnikow / Natalja Timakowa, Aus erster Hand. Gespräche mit Wladimir Putin.
  • Michail Gorbatschow, Über mein Land.
  • Wladislaw Hedeler / Nadja Rosenblum, 1940 - Stalins glückliches Jahr.
  • Richard Lourie, Stalin. Die geheimen Aufzeichnungen des Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili (Stalin).
  • Klaus-Rüdiger Mai, Michail Gorbatschow. Sein Leben und seine Bedeutung für Russlands Zukunft.
  • Simon Sebag Montefiore, Stalin. Am Hof des roten Zaren.
  • Anna Politkovskaja, In Putins Russland.
  • Protokoll einer Abrechnung. Der Fall Berija. Das Plenum des ZK der KPdSU Juli 1953.
  • Alexander Rahr, Wladimir Putin. Der "Deutsche" im Kreml.
  • Wolfgang Seiffert, Wladimir W. Putin.
  • Elena Tregubova, Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in Putins Reich.
  • Leo Trotzki, Stalin.

Am 24.10.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 12.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Vom Guten zum Bösen ist nur ein Hauch.
Sprichwort der Russen

 [  zurück  |  drucken  |  nach oben  ]