Belletristik REZENSIONEN

Liska, Jahrgang 1970

Russe
Liska und ihre Männer
Aus dem Russischen von Annelore Nitschke
Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg 2003, 189 S.
 
Alexander Ikonnikows "Taiga Blues", Geschichten aus der Provinz, ist lakonisch geschrieben,  auch einfühlsam, auch witzig, auch irrwitzig. Von des Autors Geschichten aus dem Alltag geht eine durchdringende Wirkung auf den Leser über. Doch ich schrieb in meiner Rezension zu jenem Buch:  (...) "Ikonnikow schreibt gegenwärtig an seinem ersten Roman. Da kann man gespannt sein, wie er, gerade er, die große Form meistern wird."

Nun liegt Ikonnikows erster Roman mit Liska und ihre Männer vor. Die vaterlos aufgewachsene Liska (Jelisaweta) Ogurzowa, eine siebzehnjährige Russin vom Land, ist der üblen Nachrede des Heizers Pascha ausgesetzt, der überall herumerzählt, dass (und wie) er sie entjungfert hat. Sie flüchtet wegen der Tratscherei in die nächst größere Stadt. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wird sie Hausmeisterin, kehrt den Müll fremder Leute zusammen. Eines Tages schleudert sie eine leere Bierflasche in das geöffnete Fenster der Wohnung des Mannes, der seine Abfälle einfach so aus seinem Fenster in den Hof wirft. Sie wird verhaftet. Auf der Polizeiwache lernt sie einen Mann kennen, der verdächtigt wird, jemanden umgebracht zu haben. Natürlich beteuert Mischa, unschuldig zu sein. Liska bemitleidet ihn, lässt sich mit ihm ein und verlässt ihn, als sie herausbekommt, dass er Kartenspieler und eine Art Heiratsschwindler ist.

Als nächsten Mann lernt Liska den Komsomolsekretär Viktor Michailowitsch, den Sohn des Vizeministers für Schwerindustrie, kennen und zieht bei ihm als seine neunte Freundin ein, aller materiellen Sorgen ledig. Viktor liebt Liska zwar nicht, aber "ich platze vor Verlangen, wenn ich deine Beine und deinen Hintern anschaue". Außerdem braucht Viktor eine "Frau als Rückendeckung", weil er einen schwierigen Job hat, der ihn zwingt, ständig in der Öffentlichkeit zu stehen. "Unsere Konkurrenten in den nichtstaatlichen Vereinigungen, die sich dank der Perestroika wie die Küchenschaben ausgebreitet haben, warten nur darauf, dass wir straucheln..."

Nach zwei Jahren, Liska ist inzwischen Sekretärin geworden, verlässt sie den heuchlerischen Komsomolführer und zieht zu dem schmucken Artur, einem Tataren. "Tataren hatten Liska schon immer gefallen. Sie hielt sie für das freundlichste, gutherzigste Volk in Russland, das obendrein gesellig und humorvoll war." Artur, Trolleybusfahrer, heiratet Liska, die auch lernt, einen Trolleybus zu fahren. Manchmal führt der mit der Nummer 17 an den mit der Nummer 11 vorbei... Vorbei ist auch schon bald Arturs Liebe, er verlässt sie, um mit der Trolleybusfahrerin Katja - Liskas Freundin und Trolleybus-Partnerin - zusammenzuleben. Liska hat schon einen neuen Mann am Haken: Max, den Fräser und ( Tschetschenien-)Kriegsinvaliden, den sie mit ihrem Bus fast umgefahren hätte.

Alle Männer Liskas haben etwas gemeinsam: Sie sind "bewundernswerte" Fatalisten mit moderner russischer Seele.

Das letzte Kapitel des Buches ist überraschend in der Ich-Form geschrieben und erzählt in ganz anderem Stil aus der Sicht eines Dichters im heutigen Russland. Ein funktionsloser und damit störender Stilbruch, wie ich finde. Erst nach einigen Seiten erfährt der Leser, wie der nicht gedruckte Poet Liska kennen gelernt hat. Doch mit den Worten "Ich will keinerlei Verpflichtungen. Sex ist doch kein Grund für Vertrautheit und so weiter", will er keinerlei Verbindung eingehen. Liska beschimpft alle Männer als selbstzufriedene, eingebildete Schufte, Schurken und Lumpen und wirft ihn raus. Aus.

Im zweieinhalbseitigen Epilog erfahren wir dann u. a., dass der einstige Komsomolsekretär im neuen Russland Gouverneur geworden ist, dass Liska - jetzt Fahrlehrerin an einer privaten Fahrschule ist und den einst hinausgeworfenen Dichter geheiratet hat und von ihm ein Kind erwartet. Der Poet Kostja findet, dass Liska es trotz aller Wechselfälle des Lebens verstanden hat, sich "ihre Jugend und ihre Unverdorbenheit" zu bewahren. Ja, das finde ich auch. Und das ist von Ikonnikow genial erzählt. Wird der sensible Poet der letzte Mann in Liskas Leben sein?

Liska ist mit dem Sowjetsystem aufgewachsen, lebte mit dem Komsomolsekretär während der Perestroika zusammen und mit dem Dichter im neuen Russland. Jedes Kapitel mit einer neuen Männerbekanntschaft ist eigentlich eine in sich abgeschlossene Geschichte. Am Schluss von Liska und ihre Männer hat man das Gefühl, dem Autor sei der Atem ausgegangen, aus den aneinander gereihten Kurzgeschichten tatsächlich einen Roman zu gestalten.

In Russland hat Ikonnikow noch keinen Verleger für seine Bücher gefunden. "Meine Texte", sagt er, "entsprechen nicht dem heutigen russischen Bedarf, sie handeln vom Alltag, anstatt von ihm abzulenken." Und wie wurde er für Deutschland entdeckt? Vor acht Jahren reiste ein Fotografieprofessor mit einer Studentengruppe nach Kirow, um eine Ausstellung vorzubereiten. Vor Ort engagierte man den studierten Germanisten Ikonnikow als Übersetzer. Eine Studentin hörte, dass der Dolmetscher (Ikonnikow) auch "ein bisschen"  schreibt. Sie regte an, gemeinsam ein Buch zu machen. Der Zufall wollte, dass "Ausflug auf der Vjatka" (Fotos: Annette Frick, Text: Alexander Ikonnikow), 1998 erschienen, Gerd Koenen in die Hände fiel, der seinen Verleger auf das Talent im fernen Kirow aufmerksam machte. Der Alexander Fest Verlag brachte dann im vergangenen Jahr Ikonnikows hoch gelobten Geschichtenband "Taiga Blues" heraus.

Alexander Ikonnikow, 1974 im russischen Urshum bei Kirow geboren, hat nach seinem Studium der Germanistik eine Zeit lang als Dorfschullehrer  gearbeitet. Wurde sein Geschichtenband "Taiga Blues" als Entdeckung gefeiert, wird es wohl um seinen "Roman" - den eine recht konventionelle und adjektivlastige Sprache kennzeichnet (oder liegt es an der Übersetzung?) ruhig bleiben; denn Ikonnikow ist ein außergewöhnlich talentierter Erzähler von Kurzgeschichten, ein Romancier ist er (bisher) nicht.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 16.12.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.02.2013.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

In einem Haus gibt´s vier Ecken und vierzig Pflichten.
Sprichwort der Russen

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