Belletristik REZENSIONEN

Werden Erik und Jeanna ein Paar?

Russe
In der Luft
Aus dem Russischen von Sylvia List und Margret Fieseler
Verlag C. H. Beck, München 2003, 427 S.
 
Das soll wohl ein Gesellschaftsroman sein: ein Zeitroman, der darauf gerichtet ist, in breiten Szenen gesellschaftliche Zustände und Widersprüche mehr oder weniger kritisch zu schildern.

Im Mittelpunkt stehen Erik und Jeanna, zwei junge Russen mit untypischen russischen Namen, und drei Städte - die Weltstädte Moskau, New York und die fiktive deutsche Kleinstadt Libbau. Erik Wallmann ist um die dreißig, hat eine Freundin mit Namen Angela, die Kosmetikerin ist. Er selbst arbeitet bei der Gesellschaft zur Förderung verstärkter Wirtschaftsbeziehungen mit den Entwicklungsländern. "Ungeachtet seiner gelegentlich wechselnden weiblichen Bekanntschaften, deren Zahl in letzter Zeit dramatisch zurückgegangen war, war Erik ein äußerst scheuer Mensch." Auf der Suche nach einem verschwundenen Kredit fliegt er nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder nach Moskau. Dienstlich.

Jeanna Twardowski gewann im russischen Noworossisk einen Schönheitswettbewerb, der Deutsche Karl ist ihr zweiter Mann, Deutschland für sie "die Verkörperung des Auslands", sie lebt in Libbau - "neuneinhalbtausend Einwohner: vierundneunzig Prozent Deutsche, fünf Prozent Holländer, ein halbes Prozent Polen, ein Viertelprozent Franzosen, zwanzig Tansanier, zehn Laoten, neun Albaner, sechs Serben, fünf Italiener, vier Zigeuner, drei Juden, ein Grieche und ein Tscheche."

Erik und Jeanna begegnen sich erst auf der allerletzten Seite des Buches auf dem Flughafen in Düsseldorf. Er kommt aus Moskau und will zurück in seine neue Heimatstadt New York (er lebt hier seit einigen Jahren), sie hat gerade ihren deutschen spießigen Mann Karl verlassen, der Slawist ist und Philologe, und will zurück nach Moskau. Sie hält ihn für einen Amerikaner, er sie für eine Deutsche. Das finde ich spannend, jetzt könnte In der Luft losgehen, aber nein, der Roman endet, was aus den beiden wird - ob überhaupt etwas wird - bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.

In den zehn Tagen, die der arg weitläufige Roman spielt, lernen wir auf den "restlichen" 425 Seiten unentwegt andere Personen kennen. Wenn sie anfangen, uns zu interessieren, tauchen sie im Buch nicht wieder auf. Da ist Marlena, Jeannes Freundin, deren Mann Oberst der amerikanischen Armee ist; da ist die allein stehende Nachbarin Toma, die es mit Jeannas Mann treibt; da ist Pawel Popow, der Jugendfreund von Erik, dem er in Moskau zufällig über den Weg läuft und der der Kreditveruntreuer ist (oder denn doch nicht ist?); da ist Jason Login, ein Wirtschaftsprüfer aus Florida; da ist Mischa Mendelejew, ein russischer Sozialhilfeempfänger in Libbau; da ist Anja, eine Moskauer Studentin, die Mitglied der Kommunistischen Partei ist und es für Geld macht; da ist Erich, der vor den Libbauer Supermärkten bettelt; da ist Samuel Stern, ein polnischer Jude; da ist Felix Werfer, ein Freund Karls, Assistent des Geschäftsführers der Libbauer Molkerei und seine Frau Magda, die Oberinspektorin des Libbauer Arbeitsvermittlungsbüros... Alle abschweifenden Geschichten und Personen scheinen - apropos Gesellschaftsroman - nur zu dem Zweck erfunden, uns über die Zeichen der Zeit aufzuklären: über Korruption, Drogenhandel, Pornographie, Prostitution, Telefonsex, Schattenwirtschaft, Krematoriumsmafia; Armut und Arbeitslosigkeit. Ein Buchrezensent meint zynisch, dass die Generation des Autors für den Aufbruch nach dem Zusammenbruch nicht flexibel genug war und in der Luft hänge. Über die russischen Zeichen der Zeit ist überhaupt nichts Neues zu erfahren, die kennen wir alle schon von Slapovsky, Denežkina und vor allem von den russischen Krimiautorinnen, die uns das heutige Russland mit all seinen kapitalistischen Auswüchsen so spannend nahe bringen.

Und was sollen die endlosen Wortketten - Namen von Computermarken, CDs, Musikgruppen, Kosmetika - die Bolmat auflistet? Sollen sie für die Mentalität der Figuren und die sie umgebende Welt der Werbung charakteristisch sein? Der Verleger und Publizist Erich Faber schreibt (im "Neuen Deutschland" vom 7./8. Oktober 2006), dass die Lesegewohnheiten auf dem deutschen Buchmarkt in Ost und West noch immer unterschiedlich seien. Vielleicht sagt Bolmats In der Luft ja Westdeutschen mehr als Ostdeutschen?

Beachtenswert finde ich Bolmats Sprachreichtum (sogar in der Übersetzung). Es wimmelt geradezu von gelungenen Vergleichen und gut gebauten langen Sätzen. Und doch - manchmal vertut sich der Autor - oder was für ein Mädchen habe ich mir vorzustellen, das "wie ein Stückchen Seifenrest" aussieht?

Sergej Bolmat, geboren 1960 im heutigen St. Petersburg, studierte an der Staatlichen Hochschule für Kunst und Design und schreibt seit seinem achtzehnten Lebensjahr Drehbücher und Erzählungen; er lebt in Düsseldorf. Ich lernte ihn anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2003 kennen, als er im vollbesetzten Lesezelt aus seinem Buch las. Die meisten Zuhörer kannten den russischen Autor schon, sie hatten seinen Debütroman "Klick" gelesen, der auch in Frankreich und Italien erschienen ist und für den russischen Booker-Preis nominiert war.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

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Am 26.05.2005  ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am20.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Faulheit bringt keine Helden zur Welt.
Sprichwort der Russen

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