Kinderbuch/JugendbuchREZENSIONEN

Held ohne Makel

Russe
Wie der Stahl gehärtet wurde
Übersetzung ins Deutsche: Neubearbeitung auf Basis der
deutschsprachigen Ausgabe vom Staatsverlag
der Nationalen Minderheiten der UdSSR, Kiew 1939
Mit Illustrationen von Kurt Zimmermann
leiv, Leipziger Kinderbuchverlag, Leipzig 2004, 422 S.

"Das Kostbarste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und leben soll er so, dass nicht sinnlos vertane Jahre ihn schmerzen, dass nicht die Scham um eine schäbige und kleinliche Vergangenheit ihn brennt und dass er im Sterben sagen kann: Mein ganzes Leben und all meine Kräfte habe ich hingegeben für das Schönste der Welt - den Kampf um die Befreiung der Menschheit." Welcher ehemalige DDR-Schüler kennt nicht diesen Ausspruch Pawel Kortschagins aus Wie der Stahl gehärtet wurde? Ich (Jahrgang 1938) musste ihn für die Schule auswendig lernen. Das Buch war 1947 als erstes belletristisches Werk des (Ost-) Berliner Verlages Neues Leben erschienen und erlebte in der DDR eine Gesamtauflage von etwa einer Million Exemplaren. Meine Tochter Katharina konnte das stahlharte Komsomolzen-Epos später - da stand Wie der Stahl gehärtet wurde als Pflichtlektüre in den achten Klassen der Polytechnischen Oberschule mit vier Stunden im Lehrplan - als Ausgabe des Leipziger Reclam Verlages für nur drei (Ost-) Mark lesen. Worum geht es in diesem kommunistischen Kultbuch?

Der Held, der Arbeitersohn Pawel Kortschagin, genannt Pawka, muss schon mit zwölf Jahren Geld verdienen - in einer Bahnhofsgaststätte "vierundzwanzig Stunden Dienst, vierundzwanzig Stunden frei" -, beteiligt sich mit vierzehn Jahren bereits an revolutionären Kämpfen, ist mit fünfzehn Jahren schon Angehöriger der Roten Armee. Wegen einer schweren Verwundung wird er demobilisiert. Seine Frau schreibt (in ihrer Biografie "Leben und Kampf eines Unbeugsamen", Verlag Neues Leben, Berlin 1977): "Ostrowski wurde [1920] verschüttet und am Bauch und am Kopf verwundet. Viele Wochen lag er im Lazarett. Die Verwundung zog schwere Folgen nach sich, die sich noch verschlimmerten. Der Splitter im Kopf hatte das rechte Auge beschädigt, so daß er achtzig Prozent der Sehkraft verlor. Schrecklicher, quälender Kopfschmerz setzte ein. Auch die Wirbelsäule schmerzte - eine Folge der Verschüttung. Der Rotarmist Nikolai Ostrowski wurde zum Invaliden." Zwar kämpft er nun nicht mehr in den "vordersten Reihen der Front", aber die Arbeit mit der Jugend, die Gründung des Komsomol - des Kommunistischen Jugendverbandes - machen aus ihm einen "Pädagogen der ersten Stunde". Ausschließlich die Oktoberrevolution 1917 und der sich anschließende Bürgerkrieg bestimmen sein Leben und das seines Helden: "Die Liebe bringt einem zu viel Unruhe und Leid. Und ist denn jetzt die richtige Zeit über solche Dinge zu reden?" Und zu seiner Jugendliebe Tonja: "Und ich würde dir auch ein sehr schlechter Mann sein, wenn du der Ansicht bist, dass ich erst dir und dann der Partei gehören soll."

Der Roman von Nikolai Alexejewitsch Ostrowski (1904-1936) ist zu einem großen Teil autobiographisch. Auch Ostrowski tritt mit fünfzehn Jahren in den Komsomol ein, wie Kortschagin geht er als Freiwilliger an die Front, kämpft in Budjonnys Erster Reiterarmee, wird verwundet und demobilisiert. Seit 1926 - zehn Jahre lang bis zu seinem Tod - ist der Sohn eines Eisenbahners und einer Köchin, nach seiner Verwundung gelähmt, inzwischen beidseitig blind, ans Bett gefesselt. In diesem Zustand schreibt er Wie der Stahl gehärtet wurde - mit Hilfe einer Schablone, später diktiert er seiner Frau und seinen Sekretärinnen sein Buch, in dem er "einen jungen Kämpfer gestalten [wollte], dem unsere Jugend nacheifert".

Raissa Ostrowskaja, die zwanzig Jahre alt war, als sie dem zweiundzwanzigjährigen, schon kranken Nikolai begegnet, veröffentlicht in ihrer noch heute lesenswerten Biografie das ärztliche Gutachten zu seinem Tod: "... unheilbare, chronische und ankylosierende Polyarhtritis, knöcherne Verwachsung der meisten Gelenke; gleichzeitig Tuberkulose beider Lungen und Erweiterung der Bronchien der linken Lunge; außerdem eine Nierenerkrankung... Steine... Urämie..." Er hatte 1932 noch die Herausgabe seines Buches Wie der Stahl gehärtet wurde erlebt, erhielt noch zu Lebzeiten 1935 den Leninorden. "Die Sturmgeborenen", 1951 im Verlag Neues Leben erschienen, blieb unvollendet.

Auf zwei Fehler im Internet ("Wikipedia") sei aufmerksam gemacht: Ostrowski wurde nicht im ukrainischen Schepetowka geboren (dorthin zogen seine Eltern mit ihm, als er zehn Jahre alt war), sondern im ukrainischen Dorf Wilija, Kreis Ostrog, Gouvernement Wolynien (heute Gebiet Rowno). Und er starb nicht in Sotschi, wo er im August den ersten Band zu "Die Sturmgeborenen" beendete, sondern in Moskau, wohin er am 24. Oktober 1936 aus Sotschi zurückgekehrt war.

Nach fast einem halben Jahrhundert las ich nun Wie der Stahl gehärtet wurde ein zweites Mal. Einzelheiten hatte ich natürlich vergessen, aber das Hauptgeschehen um Pawel ist mir noch recht gut in Erinnerung. Das Buch muss mir damals gefallen haben... Und heute? Heute erkenne ich viele stilistische Unvollkommenheiten und mangelhaftes literarisches Können. Heute wirkt auf mich vieles allzu heroisch, emphatisch, heldenhaft. Doch hat mich wieder beeindruckt, wie Pawel Kortschagin - und Nikolai Ostrowski - trotz schwerster Leiden die Selbstzweifel und Depressionen überwinden und schöpferisch tätig sind. Ostrowskis Witwe schreibt: "Ostrowskis Arbeitstag begann früh. Zuerst hörte er die Nachrichten. Während des Frühstücks wurden Zeitungen und Zeitschriften vorgelesen (er bezog 14 Zeitrungen und 24 Zeitschriften) sowie die zahlreichen, täglich eintreffenden Leserbriefe. - Zu Beginn der Arbeit war er bereits gewaschen, gekämmt, sorgfältig rasiert und angezogen.(...) Keine Minute ging verloren. (...) Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß er manchmal achtzehn bis zwanzig Stunden am Tag arbeitete." - "Die neue Gesellschaft", meinte Ostrowski, "braucht keine kalten Beobachter und auch keine gefühlvollen `Sympathisierenden´ sondern leidenschaftliche und aufrechte Teilnehmer am großen Aufbau".

Superhelden? Übermenschen? Der Russe Boris Groys, der in Karlsruhe Philosophie und Ästhetik lehrt, schreibt über die Superhelden der Sowjetliteratur: "Sie überwinden die Tuberkulose, züchten ohne Treibhäuser tropische Gewächse in der Tundra, paralysieren mit der bloßen Kraft des Blicks den Feind. Zur Losung der Stalin-Zeit wurde: `Einem Bolschewiken ist nichts unmöglich.´ Jeglicher Hinweis auf objektive Grenzen wurde als `Kleinmut´ und `mangelnde Zuversicht´ behandelt. (...) Ganze Generationen wuchsen mit dem Vorbild Pawka Kortschagin (...) auf, der dank seines Willens extreme, individualitätsbedingte körperliche Hilflosigkeit kompensiert." Nun, wenn ein von Schmerzen geplagter, blinder, ans Bett gefesselter Mensch sich an das Schreiben eines Buches - seiner "Waffe im kommunistischen Kampf" - macht, sollten wir ihm unsere Hochachtung nicht versagen - auch wenn ich daran zweifle, dass es eine gute Idee war, Ostrowskis "unvergänglichen Roman" (Ostrowskaja) neu herauszugeben; denn die Anziehungskraft des parteiergebenen Helden ist in dem Maße verblasst, wie sich der Sozialismus selbst diskreditierte. Und wenn es schon sein musste, das hurrapatriotische Buch neu zu veröffentlichen, warum dann ohne Vor- bzw. Nachwort, historisch-kritisch interpretiert? Vieles hätte erläutert werden können. Zum Beispiel hätte das Leben des Autors vorgestellt werden müssen, hätte etwas über den Russisch-Polnischen Krieg (1919-1921) gesagt werden sollen. Von diesem Krieg wüssten wir heute kaum noch Einzelheiten, hätte Babel nicht sein Tagebuch geführt und diesen Krieg in Erzählungen geschildert, die ihn, als sie 1926 unter dem Titel "Die Reiterarmee" erschienen, mit einem Schlage in der Welt bekannt machten. Und schon Isaak Babel hat in seinem Tagebuch Budjonny seinen Heiligenschein entrissen; heute ist er eher ein umstrittener, denn ein echter Held. Und wer ist Petljura? Die sechs Zeilen im Glossar sagen allzu wenig... So lobenswert ein Glossar ist, ein Vor- oder Nachwort ersetzt es nicht.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 06.03.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 10.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Nicht der ist dein Feind, der vor dir steht, sondern der in deinem Rücken.
Sprichwort der Ukrainer
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