Belletristik REZENSIONEN

Das Kriegsende aus der Sicht eines Soldaten der Roten Armee

Ukrainischer Jude
Deutschland-Tagebuch 1945-1946
Aufzeichnungen eines Rotarmisten
Aus dem Russischen von Anja Lutter und Hartmut Schröder
Ausgewählt und kommentiert von Elke Scherstjanoi, mit 23 Abbildungen
Aufbau - Verlag, Berlin 2005, 357 S..
 
"Tod um Tod, Blut um Blut. Mir tun diese Menschenhasser, diese Tiere [gemeint sind die Deutschen] nicht leid." Der das in sein Tagebuch schreibt, ist der einundzwanzigjährige, in Nowo-Archangels in der Ukraine geborene Jude Wladimir Gelfand (1923-1983), der als Rotarmist am 28. April 1945 in Berlin als einer der russischen Sieger einmarschierte. Ironie des Schicksals: Genau ein halbes Jahrhundert später übersiedeln Gelfands zweite Ehefrau und sein Sohn Vitaly* (geboren 1963) nach Berlin und geben Gelfands Deutschland-Tagebuch zur Veröffentlichung frei. Vitaly Gelfand: "(...) ich habe [schon als Kind - durch die Erzählungen des Vaters] verstanden, daß die Deutschen im Krieg Feinde waren und dennoch Menschen - die umgebrachten und die nicht umgebrachten".

Wladimir Gelfand, der sensible jüdische Offizier mit den "Samtaugen" befehligte einen Granatwerferzug in der 5. Stoßarmee unter Generaloberst Nikolai Bersarin, dem späteren ersten sowjetischen Stadtkommandanten von Berlin und Chef der Berliner Garnison. In Heften, Notizblöcken und auf losen Blättern führte Gelfand 1945/46 sein Tagebuch, sozusagen als Training; denn nach dem Krieg wollte der gebildete Rotarmist  unbedingt Schriftsteller werden. Der Briefwechsel mit seinen Eltern, Verwandten und seiner späteren ersten Ehefrau sowie einige dienstliche Dokumente und eine Reihe von Fotografien runden den Band ab, der von Elke Scherstjanoi, vom Institut für Zeitgeschichte ausgewählt und kommentiert wurde. Das Deutschland-Tagebuch endet mit Gelfands Entlassung aus der Sowjetarmee und seiner Demobilisierung Ende September 1946. Er verlässt Deutschland "mit Freude".

Wladimir Natanowitsch Gelfand ist ein belesener junger Mann, naiv, oft unbeherrscht, oft auch ein undisziplinierter Soldat, der bei seinen Vorgesetzten aneckt und sich oft zurückgesetzt fühlt. Trotz selbst bekundeter Tapferkeit im Kampf bekommt er keinen Orden, was ihn sehr kränkt: Ich habe "keine einzige Auszeichnung für meine Teilnahme am Durchbruch an der Weichsel, den Übergang über die Oder und die Verteidigung des Oderbrückenkopfes erhalten (...)". Oder: Ich habe "genauso viel wie damals, als ich in die Schlacht zog, obwohl viele (die meisten!) Etappenschweine oder gemeine Feiglinge die Brust voller Orden haben. Die Auszeichnungen werden für Liebedienerei, Kriecherei und Heuchelei verteilt..." In einem Brief an den Vater beklagt der Autor seine Diskriminierung als Jude. Und Elke Scherstjanoi schreibt in ihrem Nachwort: "Wladimir hat wiederholt empfunden, daß er als Jude nicht gemocht wurde. Dünkel und Feindseligkeit führte er aber nicht auf `Judophobie´, wie er sich ausdrückte, zurück, sondern auf Rohheit, Dummheit, Ehrlosigkeit und Intellektuellenfeindlichkeit bis hinein in die Offziersreihen." -  "Zu Hause kann er dann aber doch noch den Orden "Roter Stern" und die Medaillen für die Befreiung Warschaus, für die Einnahme Berlins und für den Sieg über Deutschland vorweisen.

Nach der Kapitulation ist der junge Soldat an Standorten rund um Berlin als Besatzungsoffizier stationiert, später bot sich ihm eine Stelle in einem Materialstützpunkt bei Kremmen,  nordwestlich von Berlin. Im Frühjahr 1946 wurde Gelfand für drei Monate gänzlich nach Berlin abkommandiert. In der freien Zeit lernt er Rad fahren und fotografieren und erkundet wissbegierig Berlin und Umgebung, sowie: die Frejlins*, die deutschen Mädchen; manchmal lernt er auch deren Eltern kennen. Er ist bei Kriegsende völlig unerfahren, hat mit deutschen Mädchen und Frauen seine ersten sexuellen Begegnungen. Der junge Rotarmist beschreibt seine Wünsche nach Sex - und Liebe! - in naiver schüchterner Offenheit. Bei seinen sexuellen Kontakten - das sei ausdrücklich betont - handelt es sich nie um Vergewaltigungen; alle seine Eintragungen zeugen von seinem Respekt für das "schöne Geschlecht". Manchmal  aber ist durchaus sein Siegergefühl herauszulesen, manchmal auch der Hass auf die Deutschen; denn Deutsche haben einen Teil seiner Familie im Nordkaukasus bei Judenvernichtungsaktionen umgebracht. Doch Gelfand weiß zu differenzieren. So rettete er in den letzten Kriegstagen in einem Gutshaus vor Berlin eine Goethe-Büste vor der Zerstörung mit den Worten: "Genies können nicht mit Barbaren gleichgesetzt werden, und ihr Andenken zu zerstören ist für einen zivilisierten Menschen eine große Sünde und eine Schande." So manches Mal staunt man über seine zärtlichen Gefühle für seine deutschen Freundinnen. Für die große Liebe allerdings gilt seine Sehnsucht den fernen russischen Mädchen.

Das auch "selbstentblößende" Deutschland-Tagebuch ist das erste private Tagebuch eines Sowjetoffiziers, das in deutscher Sprache vorliegt. Es ist eine Art autobiographischer Entwicklungsroman, die "Jüdische Allgemeine" nennt es ein "journal intime". Tatsächlich: Die Aufzeichnungen des selbstverliebten jungen Mannes ( "Ja, das Schicksal hat es gut mit mir gemeint und mich sehr wohl mit Aussehen und Verstand bedacht.") überwältigen durch ihre unschuldige Ehrlichkeit in den persönlichsten Dingen. "Soweit konnten wir noch nie in die Gedankenwelt eines Siegers vordringen", schreibt die Herausgeberin in ihrem Nachwort. Dem "Schöngeist" Gelfand ist alles Militärische zuwider ("Wobei mir das Militärleben, das sage ich ganz aufrichtig, überhaupt nicht gefällt - alles quält und bedrückt mich hier."), das strikte Verbot selbständiger Erkundungen und des privaten Umgangs mit Deutschen empört ihn. Nach dem mörderischen Krieg will er endlich "Freiheit! Die Freiheit zu leben, zu denken, zu arbeiten, das Leben zu genießen."

Als aufrichtiger Chronist blendet Gelfand auch Disziplinverstöße in den eigenen Reihen, Racheakte, Beutenahmen und Verbrechen an Zivilisten nicht aus. Auch über Kameradschaft und Niedertracht in den eigenen Reihen schreibt der empfindsame Autor oft. Gelfands freimütige Notizen belegen, dass die Begegnungen zwischen Deutschen und sowjetischen Soldaten nicht nur von Hass, Missachtung und Vergewaltigung geprägt waren. Das authentische, nicht nachbearbeitete Deutschland-Tagebuch ist ein außerordentlich wichtiges Zeitzeugnis, das leider nicht immer der Wahrheit entspricht, weil Gelfand auch Vorkommnisse (unkritisch) wiedergibt, die er nur vom Hörensagen kennt. So hat zum Beispiel das deutsche "Frauenbataillon", das von einer benachbarten Einheit angeblich vernichtet und geschändet worden sei, nie gegeben.

Eine Entdeckung war für mich, dass Wladimir Gelfand in seinem Tagebuch einen russischen Soldaten als "Iwan" bezeichnet; bisher hatte ich immer gedacht, diese Namensgebung für alle Russen sei eine Erfindung der "Fritzen". (Etwa zeitgleich finde ich meine "Entdeckung" in "Iwans Krieg" von Catherine Merridale bestätigt.)

In ihrem umfangreichen Nachwort schildert die Historikerin Elke Scherstjanoi Gelfands Lebensstationen und seine langjährige widersprüchliche Auseinandersetzung mit seinen Kriegserlebnissen. Seinen Plan, einen objektiven Kriegsroman zu verfassen - dazu sollten seine Tagebuch- Aufzeichnungen dienen - konnte er nicht verwirklichen. Wladimir Gelfand starb als Berufsschullehrer mit sechzig Jahren in Dnepropetrowsk. Sein Sohn Vitaly: "Wladimir Gelfand, der kein gesundes Herz hatte, starb an den Folgen einer im Krieg erlittenen Kontusion." Die editorische Arbeit des Verlages verdient ein besonderes Lob: die Zusammenstellung des privaten Fotokomplexes, das kenntnisreiche Nachwort, die informativen Anmerkungen.

Im Zuge der deutschen Beschäftigung mit dem zweiten Weltkrieg hat die Entdeckung außergewöhnlicher persönlicher Zeugnisse schon mehrmals für Aufsehen gesorgt. Einige Äußerungen zu Erlebnissen an der deutschen Ostfront fanden besondere Aufmerksamkeit, bei mir persönlich Williy Reeses Buch "Mir selber seltsam fremd". " In einem gewissen Sinne", schreibt Elke Scherstjanoi, "haben wir es beim Zeitzeugen Gelfand mit einem sowjetischen Willy Reese zu tun. Um [knapp] zwei Jahre jünger als dieser war auch Gelfand ein sensibler Junge, kein Muskelprotz und nicht für Kampfspiele zu haben." Er habe sich überdurchschnittliches Wissen erworben, habe viel gelesen und sich in verschiedenen literarischen Ausdrucksformen geübt. [Er schrieb auch Gedichte und Kurzgeschichten.] Beide Männer sahen im Schreiben an der Front auch ein Mittel, um über das Grauen hinwegzukommen. Die seelischen Schäden, die ein Krieg bewirkt, hat Gelfand weniger deutlich gesehen, und er ist als Soldat naiver gewesen als sein deutscher Leidensgefährte. In der Wiedergabe der Geschehnisse war Gelfand weniger lebensklug, weniger gedankengründlich, dafür aber unmittelbarer. Gelfands Blick war trotz seines großen Interesses für Politik kaum für gesellschaftliche Zusammenhänge geschärft, er war vor allem mit sich selbst beschäftigt. So aufgeschlossen Wladimir Gelfand mit seinen dreiundzwanzig Jahren war, so war er doch nicht reif für Stellungnahmen, wie wir sie gern gelesen hätten. Er hatte bislang nur gelernt, die politische Welt durch das Raster sowjetischer Zeitungsartikel zu betrachten. So gesehen war er der Masse seiner Kameraden näher als Reese den seinen.

Dennoch: Ich habe sowohl Reeses als auch Gelfands Buch mit viel Gewinn  gelesen. Für mich sind beide Werke Anti-Kriegsbücher!


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * "Frejlin" war bei sowjetischen wie amerikanischen und britischen Soldaten ein verbreiteter Ausdruck für deutsche Mädchen und junge Frauen. Er wurde zunächst respektvoll, später auch abschätzig gebraucht.

  *Vitaly Gelfand, Berlin, bat mich am 12.03.2007 per E-Mail um die Genehmigung,  meine Rezension über das Tagebuch seines Vaters (auch ins Russische übersetzt) in der Website www.gelfand.de veröffentlichen zu dürfen. Die Rezension findet sich unter: "Online Rezension `Das Kriegsende aus der Sicht eines Soldaten der Roten Armee´.

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Am  06.03.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 21.02.2015.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Im Krieg kann man sich nicht aussuchen, wer vor oder wer hinter einem geht.
Sprichwort der Ukrainischen Juden
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