Belletristik REZENSIONEN

Mokkaschnitten, mürbe wie die Moral...

Russe
Der rasierte Mann und Zyniker
Zwei Romane
Die Andere Bibliothek
Herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger*
Nummeriert und limitiert
Aus dem Russischen von Brigitte van Kann und Gregor Jarcho
Mit einem Dossier, zusammengestellt von Inga Kuznecova
Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2001, 296 S.

Ein im Moskauer Theater "Lenkom" gegenwärtig umjubeltes Spektakel ist "Balakirew, der Narr". Es handelt von dem Adligen Iwan Balakirew, der Hoffnarr bei Peter I. war - eine wahre Begebenheit. Autor dieser Komödie, die zu seinen Lebzeiten ganz unbekannt blieb, ist Anatolij Marienhof.

Marienhof (1897-1962) war lange Zeit in Vergessenheit geraten - nur deshalb überlebte er die stalinistischen "Säuberungen". Erst seit den achtziger und neunziger Jahren erinnerte man sich in Russland seiner wieder, und die meisten Romane und Gedichte von ihm wurden neu aufgelegt. In der Anderen Bibliothek ("Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten.") erschienen nun zwei Romane in einem Band: Der rasierte Mann und Zyniker.

Der rasierte Mann ist der Roman einer unglücklichen Freundschaft zwischen dem kleinen, unansehnlichen Miška und dem eleganten, aber brutalen Leo - die Geschichte einer Hörigkeit. Geradezu mitleiderregend wie der großspurige Leo seinen ängstlichen Freund Miška behandelt, wenn der im Fußballtor einen Ball durchgehen lässt. Oder die makabre Szene mit den Mitessern, die Leo ihm unbedingt ausdrücken will, obwohl Miška schon fürs Ballett angezogen ist, er will in "Schwanensee" gehen. Das Ergebnis des wüsten Tuns: Miškas "ganzes Gesicht ist mit runden Schwellungen bedeckt, auf denen hochrote Laternen den Eingang zu den verlassenen Höhlen zu beleuchten scheinen". Miška befreit sich gewaltsam von dieser belastenden Freundschaft, indem er den "Freund" an der Schnur einer Portiere erhängt...

Auch Zyniker ist die Schilderung einer Leidenschaft, der Olga und ihr Geliebter Vladimir verfallen sind. Doch allein ihrer Liebe zu leben, muss an den gesellschaftlichen Verhältnissen scheitern. Nach dem Selbstmord Olgas endet der Roman mit dem Satz: "Und auf der Erde war alles so, als ob nichts geschehen wäre..."

Beide Romane spielen vor dem Hintergrund des ersten Weltkrieges und der Oktoberrevolution, mit der der Autor sympathisierte. In Zyniker streut Marienhof aktuelle Nachrichten ein, wie: "Seit Winterbeginn sind in der Republik bereits anderthalb Millionen Menschen an Flecktyphus erkrankt." Oder: "Im Gouvernement Caricyn ernährt man sich von einem Gras, das ehemals nur von Kamelen gefressen wurde." Oder: "Im Kirchdorf Lubimowka hat man eine menschliche Leiche entdeckt, die aus der Erde gegraben war und zum Teil schon als Nahrung gedient hatte." Oder: "Nach Berechnung von Nansen hungern jetzt dreiunddreißig Millionen Menschen." Oder: "Die Menschen- und Leichenfresserei nimmt einen Massenumfang an..."

Marienhofs Romane sind beide im sibirischen Pensa angesiedelt, wohin der Vater, Boris Marienhof, mit dem Sohn zog, als seine Frau an Magenkrebs gestorben war. Als der Vater bei einem Angriff tschechoslowakischer Bataillone ums Leben kam, ging Anatolij 1918 nach Moskau. Im August desselben Jahres lernte er hier Sergej Jesenin (alle Schreibweisen entsprechen dem vorliegenden Buch) kennen, es entsteht eine innige Freundschaft. Marienhof: "Jesenin und ich wohnten zusammen, schrieben an einem Schreibtisch; war die Dampfheizung kaputt, schliefen wir unter einer Decke; vier Jahre lang sah man uns nie getrennt; wir hatten gemeinsames Geld: er hatte meines und ich seins; einfacher ausgedrückt, beides war unseres; wir gaben unsere Gedichte zusammen heraus und widmeten sie einander; wir wussten stets, wer von uns worüber schweigt."

Im Januar 1919 hatten die beiden Freunde (zusammen mit den Schriftstellern Rjurik Ivnev und Vadim Šeršenevic, den Malern Boris Erdmann und Georgij Jakulov) die Deklaration des "Imaginismus" veröffentlicht. Dem futuristischem Manifest "Das Wort als solches" stellten sie in ihrer Deklaration "Das Bild als solches" entgegen: "Der Dichter arbeitet mit dem Wort, das er nur in bildlichem Sinn nimmt." Nach dem Zerfall der Gruppe der Imaginisten - Sergej Jesenin gibt am 31. August 1924 in der Zeitung "Prawda" die Auflösung bekannt - wandte sich Anatolij Marienhof in verstärktem Maße der Prosa zu. In schneller Folge erschienen die drei Kurzromane "Roman ohne Lüge" (1927), Zyniker (1928) und Der rasierte Mann (1930). In ihrer Deklaration hatten die Imaginisten festgestellt: "Der Prosaiker unterscheidet sich vom Dichter nur durch die Rhythmik seiner Arbeit." In der Nachbemerkung zum vorliegenden Buch schreibt Peter Ludewig dazu: "Diesen Ansatz kombiniert Anatolij Marienhof in seinen Romanen mit Elementen aus Eisensteins Ästhetik des Films, insbesondere der `Montage der Attraktionen´... Sergej Eisenstein verstand die Montage als Zusammenstoß von Einstellungen. In vergleichbarer Weise ließ Anatolij Marienhof in seinen Romanen kurze Episoden aufeinanderprallen."

Den beiden Romanen merke man nicht an, dass sie siebzig Jahre alt sind, schreibt der Verlag. Ich finde, dass man es ihnen sehr wohl anmerkt, nur: Es schadet ihnen nicht. Ein besonderer Genuss sind die vielen bildreichen Vergleiche, wie: Mokkaschnitten, mürbe wie die Moral...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 * Die Andere Bibliothek wurde 1985 von Hans Magnus Enzensberger begründet. Seitdem ist jeden Monat ein edel ausgestattetes Buch erschienen, die Vorzugsbände in Ziegenleder und nummeriert - nach dem Motto "Luxus ist kein Verbrechen". Mal waren es Neu- und mal Wieder-Entdeckungen. Nun hat der "Zeit"-Herausgeber und SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann zusammen mit Klaus Harpprecht die Herausgeberschaft übernommen. Zur Leipziger Buchmesse stellten sie zusammen mit dem Eichborn Verlag die Bände für die ersten sechs Monate ab Oktober 2007 vor. Das Konzept soll bleiben, die schöne Ausstattung auch.

 

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Am 18.01.2002 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 05.02.2013.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

"Mal sehen" und "wird schon gehen" hat man immer zusammen gesehen.
Sprichwort der Russen

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