Die Herausgeber Jäger und Klein des Moskau-Bandes haben auch schon
St.Petersburg
(1998) "erlesen". Für Moskau nun haben sie achtundachtzig Beiträge aus fünf
Jahrhunderten zusammengetragen, beginnend mit einem unbekannten
Chronisten, der schrieb: "Fürst Jurij bestieg
[im Jahre 1147] den Hügel, sah sich um,
schaute nach allen Seiten, hierhin und dorthin, in beiden Richtungen
den Moskau-Fluß und die Neglinnaja entlang; und er entzückte sich an
ihren Dörfern und befahl, unverzüglich hier eine Stadt aus Holz zu
errichten, und ihr Name solle Moskau-Stadt sein."
War bei
"Russland A-Z / Россия A-Я"
kritisch anzumerken, dass die gebotenen Auszüge nichts
Landeskundliches enthielten, so betrifft bei
Moskau tatsächlich jeder Beitrag - ob Gedicht, Bericht, Brief, Erzählung, Roman,
Reisebeschreibung - die Stadt
Moskau, egal, ob sich russische1 oder
ausländische Autoren äußern. So schreibt der österreichische
Diplomat und Schriftsteller
Sigismund zu Herberstein (1486-1566): "Die Stadt liegt zwar nicht in
Asien, aber doch an der äußersten Grenze von Europa. (...) Moskau ist
in seinem Kern ganz aus Holz gebaut. Es ist sehr groß und sieht von
ferne noch umfangreicher aus. Die Häuser besitzen nämlich auch noch
weite Gärten und Höfe, und dies verleiht der Stadt einen Anschein von
Größe." Der italienische Abenteurer, Schriftsteller und Frauenheld Giacomo Casanova (1725-1798) berichtet:
"Die Frauen fand ich in Moskau schöner als in Petersburg: ich
glaube, das liegt an der Luft, die dort viel gesünder ist.
Leo Tolstoi (1828-1910) nennt
Moskau, "(...) die Stadt mit den unzähligen Kirchen"
eine "orientalische Schöne"; Nikolai Gogol (1809-1852) vergleicht
Moskau mit St. Petersburg so: "Petersburg - ist ein Mensch von
peinlicher Akkuratesse - ein echter Deutscher, es erwägt alles und
rechnet alles nach, und ehe es eine Abendgesellschaft gibt, tut es
einen Blick in die Tasche; Moskau - ist ein russischer Edelmann, wenn
er sich einmal amüsiert, dann amüsiert er sich so, daß er hinfällt,
und kümmert sich nicht darum, ob er mehr ausgibt, als er in der Tasche
hat. (...)" Geradezu eine Liebeserklärung gibt der
österreichische Schriftsteller Rainer Maria Rilke
(1875-1926) ab: "Und ich
würde glauben, daß ich überall so einsam und verloren und überzählig
wäre, wenn ich nicht zweimal (in den Jahren 1899 und 1900) in Rußland
gewesen wäre, wo ich erkannte, daß es eine Heimat für mich gibt, ein
Erdreich, in dem ich Wurzel schlagen, ein Volk, das ich lieben könnte
- das ich liebe." Alexander Sinowjew (geb. 1922) schreibt als
Emigrant: "Für mich gibt es nur eine Hauptstadt auf der Welt, und das
ist Moskau. Alles andere ist für mich Provinz. Moskau ist nicht
einfach nur die Hauptstadt eines Staates. Es ist die Hauptstadt der
Geschichte."
Viel wird auch über den Kreml und die
Basilius-Kathedrale geschrieben, über die Moskauer Boulevards, den
Roten Platz, die Denkmäler, das Mausoleum, das
Puschkin-Museum, dessen Direktor
Marina Zwetajewas Vater war... Bei so kundiger Auswahl macht es Sinn, die kleinen handlichen Bändchen mit Goldschnitt auf
die Reise
(nach Moskau) mitzunehmen.
Doch ich vermisse wieder einmal biographische Angaben
zu den einzelnen Autoren. Viele Texte erschließen sich doch erst
richtig, wenn man weiß, welcher Nationalität der Autor ist, welcher
literarischen Strömung er angehört, was er geschrieben hat... Wer zum
Beispiel ist Sergej
Gandlevskij, geboren 1952? Das Buch, aus dem der Auszug "Elegie"
stammt ist in deutscher Sprache bisher nicht erschienen, auch andere
Veröffentlichungen von ihm gibt es auf dem deutschen Buchmarkt nicht. Im Internet
entdeckte ich zwar einen russischen Autor seines Namens, der aber ist 1932 geboren. Und Reinhard Lauer schreibt in seiner
"Kleinen
Geschichte der russischen Literatur": "Ein Sammelbecken der
zeitgenössischen Lyrik wurde seit 1994 die von Aleksej Alëchin
herausgegebene Zeitschrift "Arion", der es gelang, sowohl ältere
Dichter (...) als auch jüngere (Sergej Gandlevskij, Timur Kibirov u.
a.) um sich sich zu scharen. Jüngere Dichter? Das könnte der gesuchte
Sergej Gandlevski sein. Aber Lyriker? Der Auszug zu seinem Text
"Elegie" ist ein Prosatext. Will sagen, dass biographische Angaben zu
den einzelnen Autoren unerlässlich sind.
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