| Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN | |
Abbau von Vorurteilen durch Wissen | |
| Barbara Löwe | Deutsche; über Russland |
| KulturSchock Russland | |
| REISE KNOW-HOW Verlag Peter Rump, Bielefeld 2004, 4. aktualisierte Auflage, 256 S. | |
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Leider ist uns die fremde Kultur unseres Reise-Landes oft wenig bekannt. Die Bücher der Reihe "KulturSchock"
wollen eine Orientierungshilfe im fremden
Alltag sein. Wer einen Reiseführer erwartet, hat das falsche Buch
gewählt, touristische Sehenswürdigkeiten werden hier nicht vorgestellt.
"Kultur ist die Summe der Gewohnheiten einer Gesellschaft", schreibt Barbara Löwe (geboren 1934), Diplom-Dolmetscherin für Russisch und u. a. als Dozentin an der Universität Heidelberg tätig. "Bei einem Kontakt mit einer fremden Kultur, der sich unreflektiert vollzieht, werden die Phänomene der fremden Kultur - auch völlig unbewusst - nach den Regeln der eigenen Kultur wahrgenommen und interpretiert." Die Prozesse, die bei der Aufnahme von Kontakten zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen ablaufen, nenne man "Kulturschock". Die Reihe "KulturSchock" will also dazu beitragen, die Gesetzmäßigkeiten des Kulturschocks zu begreifen, ihn so weit wie möglich vorwegzunehmen und Vorurteile abzubauen. Je mehr die verschiedenen Völker voneinander wissen, desto besser werden sie einander verstehen. Und so macht uns Barbara Löwe - die Russland in vielen Jahrzehnten studiert, gelehrt, beschrieben, erlebt hat - mit den vielfältigen "Geflechtssträngen" bekannt, angefangen bei der Landesnatur (auf dreieinhalb Textseiten); denn natürlich hat allein die gewaltige Ausdehnung des russischen Landes auch Einfluss auf Mentalität und Verhaltensweisen seiner Bewohner. Im folgenden Kapitel wird dann über die Vergangenheit und Gegenwart Russlands berichtet: Tausend Jahre russische Geschichte von der Kiewer Rus (ab Mitte 9. Jahrhundert) bis zum Zerfall der UdSSR (1991) - auf gerade mal sechzig Seiten. Obwohl die Fakten unter diesen Umständen sehr komprimiert daherkommen, erfährt man trotzdem noch erstaunlich viele Einzelheiten. So ist sogar Raum für individuelle Gedankengänge der Autorin (zur Bewertung historischer Ereignisse und Prozesse, zur Goldenen Horde, zu Gorbatschow und Putin...) Auch die drei folgenden Kapitel "Wandel und Kontinuität" ("Juden in Russland", Denkweisen und Lebensformen bis zu Essen und Trinken) ist auf etwa einhundert Seiten jeder "Geflechtsstrang" des Alltags enthalten. Jeder? Es fehlt die Literatur! Nirgendwo auf der Welt hat die Literatur eine so große Bedeutung wie in Russland. "Die ewig `träumerische´ russische Seele", schreibt Alexander Litschev in "Rußland verstehen", "lebt viel mehr mit der Literatur und in der Literatur als in der realen Welt. Für die Russen1 ist Literatur das `wirkliche Leben´ und zwar als eine andere `bessere´ Realität, die die `wirkliche´ aufhebt und eine neue wesenhafte Dimension des Daseins eröffnet." Ohne Literatur ist Russland und sind die Russen auch für mich nicht vorstellbar! Wohl aber für Barbara Löwe... Im folgenden Kapitel "Russland und die Fremden, Fremde in Russland" ist auf knapp vierzig Seiten von dem Vielvölkerstaat die Rede und davon, dass die Russen auf die unterschiedlichen Völker unterschiedlich reagieren. Den östlichen Völkern, so meint Barbara Löwe, fühlen sich die Russen überlegen, die Kaukasusvölker (auch "Schwarze" genannt) werden heute als Quelle allen Übels betrachtet, die Zigeuner2 werden verantwortlich gemacht für Kleinkriminalität, Verwahrlosung, Schmutz in Bahnhöfen, Grünanlagen... Und die Juden? Da schreibt die Autorin von latentem oder offenem Antisemitismus. Aber auch von Gastfreundschaft ist die Rede, von russischer Körpersprache, einer Art Lächelnsgrenze, von Blickkontakt, Mimik und Gestik, Gelassenheit, Ruhe und russischer Geduld...; ein stofflich besonders vielseitiger (und subjektiver) Abschnitt. Das letzte, sehr interessante Kapitel "Russen und Deutsche" informiert auf zwanzig Seiten über den historisch-politischen Bereich, über den philosophisch-kulturellen Bereich, über Kolonisten, Deutsche und "Deutschländer" und über die Emigration. KulturSchock Russland - ein Buch von unendlicher Materialfülle, ganz ohne Redundanz geschrieben. Ein Buch, das man nicht nur lesen, sondern studieren muss. Wenn man es denn aber gründlich zur Kenntnis genommen und verinnerlicht hat, könnte man von einem Kulturschock tatsächlich verschont bleiben. Um jedoch diese ungeheure Fülle an Material unterzubringen, sind viele Seiten in einer nahezu unzumutbaren kleinen Schrift gesetzt. Und die zahlreichen fett gedruckten Stichworte innerhalb der Texte sind eher verwirrend als hilfreich. Nahezu gar nicht auszumachen innerhalb des normal gesetzten Textes sind die kursiv gesetzten Stichworte, die nur zusätzliche Unruhe in den Text bringen, ohne eine Orientierungshilfe zu sein. Wie immer ist mir auch unverständlich, warum man sich bei einem nichtwissenschaftlichen Buch für die wissenschaftliche Umschrift entscheidet! Positiv ist anzumerken, dass (bei Namen und
Begriffen) ein Zeichen über dem Vokal die Betonung kennzeichnet.
Vergessen wurde allerdings darauf hinzuweisen, dass Bezeichnungen mit "ë"
(z. B. Gorbačëv / Gorbatschów) immer auf diesem Vokal betont sind.
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| Gisela Reller
/ www.reller-rezensionen.de 1 Die (etwa 137,4 Millionen) Russen leben in der Russischen Föderation/Russland; die Hauptstadt ist Moskau. Das Russische ist die von den meisten Menschen gesprochene ostslawische Sprache. Ihre ältesten Sprachdenkmäler stammen aus dem 11. Jahrhundert. - Die gläubigen Russen sind orthodoxe Christen.
2 Die (etwa 262 000)
russischen Zigeuner
(Roma) leben verstreut im gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Die
Sprache der Zigeuner ist mit dem Sanskrit und dem Hindi verwandt. Es
war in der UdSSR keine offizielle Literatursprache. - Die gläubigen russischen
Zigeuner sind meist orthodoxe Christen. | |
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Am 19.09.2007 ins Netz gestellt. | |
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Fremdes Land vermehrt den Verstand. | |
| Sprichwort der Russen | |
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